Der große Erfolg und das kleine Scheitern


Ein Rückblick auf die Ende Gelände-Aktion Ende Oktober 2018

Nach dem Plenum in Bonn, ersten AG-Auswertungen und ein wenig Zeit zum Durchatmen möchten wir uns an alle wenden, die sich an der Aktion und Vorbereitung, ob auf den Gleisen, im Camp, in den Fingern, den EG-Ortsgruppen, AGs oder anderswo beteiligt haben. Nur gemeinsam konnten wir diese große, sehr erfolgreiche Aktion machen! Wir möchten hier gerne ein paar Eindrücke und Überlegungen mit euch teilen.

Es war mit insgesamt über 5.000 Teilnehmer*innen die bislang größte Ende Gelände Aktion.

Die Empörung, die durch die Räumung des Hambi, der damit einhergehenden Polizeigewalt und den absolut unverhältnismäßigen Reaktionen der Landesregierung ausgelöst wurde, begünstigte eine enorme Dynamik und Verbreiterung der Bewegung in diesem Jahr. Das war auch bei unserer Mobilisierung – deutschlandweit und international – spürbar. Neue Ende Gelände-Ortsgruppen gründeten sich, bereits bestehende hatten großen Zulauf. In den Ortsgruppen wurde unermüdlich lokale Mobilisierungsarbeit geleistet und hunderttausende Flyer, Sticker und Plakate verteilt. Nicht zuletzt die kontinuierliche internationale Arbeit unseres Bündnisses und der Sonderzug haben dazu beigetragen, dass sich noch einmal deutlich mehr Aktivist*innen die weißen Anzüge überzogen als bei der vergangenen Aktion zur Weltklimakonferenz 2017.

Allerdings müssen wir anerkennen, dass die Diversität unserer Strukturen immer noch ausbaufähig ist. Viele unserer Aktivist*innen sind weiß, jung und kommen aus einem eher akademischen Milieu. Wir wollen aber einen offenen, sicheren und zugänglichen Ort für alle Menschen darstellen. Daher sollten wir uns auch darüber Gedanken machen, wie wir es Aktivist*innen über 40, Aktivist*innen of Colour und Arbeiter*innen erleichtern können sich bei uns einzubringen. Viele unserer Aktivist*innen verfügen über wenig Aktionserfahrungen.
Wir mobilisieren wenig erfolgreich in anderen Spektren der radikalen Linken (bspw. Antifa-, Antira- oder Recht auf Stadt-Gruppen). Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel.

Wir haben die größte und längste Schienenblockade im rheinischen Braunkohlerevier zu Stande gebracht.

Etwa 2.500 Leute waren in der Spitze auf den Gleisen. Unser Ziel einer 1,5-tägigen Aktion inklusive Übernachtung haben wir erreicht. Das ist ein großer Erfolg, der nicht zuletzt durch einige hundert Menschen in den Support-Strukturen und in der Repro-Arbeit des Camps möglich gemacht wurde. Dass allerdings knapp 2.000 Menschen in Polizeikesseln landeten, von denen viele sehr frustrierende Erfahrungen gesammelt haben, trübt diesen Erfolg. Viele, die auf der Blockade waren, haben sehr empowernde Erfahrungen gesammelt, die wir auch allen anderen gerne ermöglichen wollten. Die gesamte Aktion war nur so erfolgreich, weil wir eben so viele waren – jede*r in der Aktion hat ein kraftvolles Zeichen gesetzt.

Unsere Aktion wurde von den staatlichen Behörden massiv bekämpft.

Die Verweigerung eines Camps in der Nähe der Kohleinfrastruktur, die Hinhaltetaktik der Versammlungsbehörde im Vorfeld, die Räumung der Hambi-Camp Erweiterung, der mehrstündige Empfangskessel für den Sonderzug, der Einsatz mehrerer Wasserwerfer, Räumpanzer etc. – all dies zeigt, dass die Repressionsbehörden uns die Aktion durch eine harte Zermürbungstaktik so schwer wie nur möglich machen wollten. Es zeigt aber auch, dass sie uns als Gegnerin ernst nehmen – und das ist gut!

Viele der Beteiligten waren nach der Räumung beim Hambi-Camp und dem Umzug nach Stepprath am Rande ihrer Belastungsfähigkeit. Am Tag vor der Aktion dann auf einem Camp, 15 Kilometer entfernt von potentiellen Aktionszielen, zu sitzen und 1.000 Aktivist*innen in einem Kessel am Bahnhof zu wissen, fühlte sich für viele von uns überfordernd und erdrückend an. Die Repression gegen uns blieb also nicht wirkungslos.

Aber durch all die Menschen, die schon in den Tagen und Monaten vor der Aktion so vieles auf die Beine gestellt und durch alle, die sich spontan eingeklinkt haben, waren wir weiter handlungsfähig und konnten auf die ungleich schwierigere Situation reagieren. Uns macht es sprachlos, wie widerständig auch diejenigen waren, die 10 Stunden von der Polizei am Bahnhof festgesetzt wurden, dann in einem dunklen und regnerischen Camp ankamen und denen trotzdem klar war: morgen früh geht’s in die Aktion. Von den Repressionsbehörden scheinbar in die Enge getrieben, entwickelten wir gemeinsam Kräfte, die wir nicht für möglich gehalten hätten.

Das Erfolgsrezept für diese Aktion: Flexibilität, Entschlossenheit und eine nicht ganz kleine Portion Glück.

Wir sahen uns durch die Repression dazu gezwungen, mehrere Pläne in sehr kurzer Zeit neu zu entwerfen. Menschen mussten beispielsweise noch in der Nacht ihren Schlafort wechseln. Diese Flexibilität war eine große Herausforderung für alle, aber unbedingt notwendig, damit wir handlungsfähig bleiben konnten. Sie hat in Aktionsplena zu Verwirrung und Unmut geführt, weil sehr wenig Informationen weitergegeben werden konnten. Das hätten wir uns anders gewünscht. Aber wir hatten das Vertrauen in uns alle und die Vorstellungskraft, dass auch ein über 10 Kilometer langer Fußweg eine sportliche Herausforderung, aber keine Unmöglichkeit ist.

Vor der S-Bahn und Autobahn, vor und hinter uns Wasserwerfer und kaum Manövrierraum in irgendeine Richtung, zerrte das Stehenbleiben dann an den Nerven. Unsere Kommunikationsmittel gerieten an ihre Grenzen angesichts der riesigen Masse an Menschen, auch daraus lernen wir.

Umso beeindruckender war die Entschlossenheit aller Aktivist*innen. Mit völliger Selbstverständlichkeit haben wir Zäune überwunden, sind Wasserwerfern und Polizist*innen ausgewichen, ließen uns von Reiterstaffeln nicht aus der Ruhe bringen. Über die Niedrigschwelligkeit dieser Aktion lässt sich streiten, in den bisherigen Feedbacks hat dies verblüffenderweise wenig Erwähnung gefunden. Ein weiterer Finger hätte es beinahe in den Tagebau Inden geschafft und hat damit viele Polizeikräfte beschäftigt, was den anderen sehr half, ans Ziel zu kommen. Trotz der vorherigen Strapazen waren alle wild entschlossen, die Kohleinfrastruktur lahmzulegen.

Viele, die nicht bis auf die Schiene kamen, fühlten sich von den Aktionsstrukturen zurückgelassen.

In bisherigen Auswertungen wurde schon deutlich: In dem sich entwickelnden Kessel vor der Autobahn fühlten sich Aktivist*innen allein auf weitem Feld und ohne die nötigen Informationen. Wir haben in Sachen Kommunikation ein paar Dinge aufzuarbeiten, um bei der nächsten Aktion mit weniger Chaos und noch viel mehr Menschen ans Ziel zu kommen. Für die, die nicht auf die Schiene kamen, fehlten dann im Camp Informationen, wie sie die bestehende Blockade weiterhin unterstützen können. Trotzdem sind Gruppen noch in der Nacht aufgebrochen mit zusätzlicher Verpflegung und Decken. Aus all diesen Erfahrungen lernen wir und machen es nächstes Mal noch besser.

Die Aktion war effektiv, nicht nur symbolisch.

Auf den Gleisen angekommen, war einigen unklar, ob dies der richtige Ort zum Blockieren ist. Viele Aktivist*innen fragten sich, wann denn endlich die Kraftwerke abgeschaltet werden, wenn wir die Kohlezufuhr stoppen. Der Frage um das ausgewogene Verhältnis zwischen symbolischer und materieller Blockade müssen wir uns immer wieder neu stellen. Unter den gegebenen Umständen erschien uns eine möglichst lange Schienenblockade als die beste Mischung aus Effektivität, Symbolstärke und nicht zuletzt Machbarkeit.

Durch die Aktion wurde gerade mal eine Kraftwerksdrosselung um 10% herbeigeführt. Dennoch war die Aktion nicht „nur symbolisch“, sondern in mehrfacher Hinsicht effektiv. Denn die Effektivität zeigt sich aus unserer Sicht nicht zuerst in der materiellen, sondern in der politischen Wirkung. Starke Symbole sind effektiv, wenn sie unsere Forderung transportieren: Sofort raus aus der Kohle! In die Medien kamen fantastische Bilder von Tausenden entschlossener Menschen auf dem langen Fußweg, auf der Autobahn, an der Tagebaukante oder nachts auf den Gleisen, im Flutlicht unter goldenen Rettungsdecken. Unsere Message kam an, sehr viel Sympathie war auf unserer Seite. Außerdem konnte für über 30 Stunden keine Kohle aus dem Tagebau Hambach in die Kraftwerke geliefert werden. Auf diese Blockade war unser Gegner zwar vorbereitet und hat rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergriffen. Sie tut ihm aber trotzdem weh, denn er merkt, dass wir immer mehr und immer entschlossener werden.

Wir messen unseren gemeinsamen Erfolg nicht nur an der Wirkung in den Medien oder an den Folgen für RWE. Es waren unglaublich viele Menschen das erste Mal in einer Massenaktion zivilen Ungehorsams und haben darin Erfahrungen gesammelt, die sie hoffentlich noch lange prägen werden. All unsere lokalen Ende Gelände- und Klima-Gruppen werden gestärkt durch die vielen Aktivist*innen, die sich nach den empowernden Erfahrungen der Massenaktion dauerhaft organisieren wollen. Tausende Menschen haben an Aktionstrainings teilgenommen und nicht zuletzt haben wir gemeinsam dafür gesorgt, dass Ziviler Ungehorsam, wie auch schon in der Zeit der Hambi-Rämung, gesellschaftlich legitim und salonfähig bleibt.

Wir sagen was wir tun und wir tun, was wir sagen.

Wir haben im Vorfeld angekündigt, dass wir über Nacht bleiben werden. Wir haben intern schon vor Monaten beschlossen, 1,5 Tage zu bleiben und eher keine zweite Welle zu starten. Daran haben wir uns auch während der Aktion gehalten. Das ist die Verlässlichkeit, die uns als Bündnis auszeichnet und vielen Aktivist*innen die nötige Sicherheit gibt. Gleichzeitig hätten sich andere Aktivist*innen gewünscht, noch länger die Gleise zu blockieren. Manche Menschen, die es Samstag nicht auf die Gleise geschafft haben, wären gerne nachts oder am nächsten Morgen nochmal gemeinsam mit vielen aufgebrochen. Einige Gruppen haben dies auch selbst organisiert und geschafft.

Die Aktionsstrukturen können nicht immer alle Bedürfnisse abdecken, also braucht es in Aktionen auch Räume und Möglichkeiten für Eigeninitiative und Selbstorganisation. Steht unser Versuch, als Ende Gelände gerade für neue Aktivist*innen viel Struktur und Information zum Mitmachen anzubieten, im Widerspruch dazu? Oder lässt sich beides gut unter einen Hut bringen?

Als Ende Gelände-Bündnis stellen wir sehr hohe Ansprüche an uns, allen gerecht zu werden und nach problematischen Situationen an uns zu arbeiten. Und es besteht eine hohe Erwartungshaltung an das Bündnis. Doch wie wir jetzt gemerkt haben, stoßen unsere Kapazitäten in dem Moment, in dem hoher Repressionsdruck auf eine immer größer werdende Bewegung trifft, auch mal an ihre Grenzen.

Wir wollen nicht in die Falle blinden Wachstums laufen, „immer größer zu werden“. Wir werden als Ende Gelände dazulernen und weiterhin verantwortliche, sehr verlässliche Strukturen für viele neue Aktivist*innen schaffen. Gleichzeitig müssen wir Raum lassen, damit uns allen bewusst ist: Wir „konsumieren“ nicht Aktion, sondern wir sind gemeinsam die Aktion, mit unserer Lebendigkeit und Entschlossenheit. Wir müssen „das kleine Scheitern“ zulassen und es allen Beteiligten transparent machen.

Nur so können wir gemeinsam und flexibel Lösungen erarbeiten – und wissen, wie groß die Widerständigkeit ist, die uns abverlangt wird. Darin sehen wir ein großes Potential. Denn dass wir aus unmöglichen Situationen etwas Wundervolles schaffen können, das haben wir gezeigt und daran haben wir auch für die Zukunft keinen Zweifel!

Wir freuen uns deshalb auf alle, die beim EG-Plenum im Februar mit Ende Gelände ins neue Jahr aufbrechen, die zu den vielen Ortsgruppen dazustoßen und die hoffentlich die AGs verstärken.

We are unstoppable – another world is possible!


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