Othering im Demoformat – Wie die Leipziger Initiative gegen Islamismus in dieselbe Kerbe schlägt wie schon Thomas von Aquin (1225-1274)

Die Leipziger Initiative gegen Islamismus plant eine Kundgebung vor der Al-Rahman Moschee im Leipziger Norden. Halten wir es aus einer linken Perspektive für eine gute Idee in Sachsen öffentlich gegen eine Moschee zu mobilisieren? Definitiv nicht. Es ist mindestens politisch blauäugig, eher aber gefährlich. Wer sich in einem so komplexen Spannungsverhältniss aus Religionskritik, Rassismus und Patriachat so positionieren möchte, verkürzt bewusst die Komplexität der Verhältnisse. Warum genau? Da haben einige unser Genoss*innen mal ein paar Worte zu aufgeschrieben:

Die Leipziger Initiative gegen Islamismus ruft zu einer Kundgebung vor der Al-Rahman Moschee in Leipzig auf, die vom Verfassungsschutz als ein Zentrum salafistischen Gedankenguts eingestuft wird. Warum sich die Initiative damit in eine lange Tradition von Othering einreiht.

13. Jahrhundert: Thomas von Aquin stellt eine 4-Punkte-Theorie zum Islam auf: Der Islam entstelle die Wahrheit, der Islam sei eine Religion der Gewalt, des Krieges und der sexuellen Ausschweifung, Muhammad sei ein falscher Prophet.[1] Diese Theorie erarbeitete sich der römisch-katholische Kirchentheoretiker im Kontext des Vordringens sich zum Islam bekennender Erober_innen bis nach Andalusien und auf den Balkan, des Kampfes um die Vorherrschaft über die heilige Stadt Jerusalem und der Initiierung der Kreuzzüge. Eine Zeit der militärischen und ideologischen Konflikte, eine Zeit, in der der vor- und beherrschenden Religion in Europa[2], dem Christentum, Konkurrenz gemacht wurde durch eine militärisch und zahlenmäßig mächtige Gegnerin.
Wie geläufig ist, brauchen Kriegshandlungen neben der technischen und humankapitalen Ausrüstung vor allem die Bereitschaft in den Krieg zu ziehen, also eine ideologische Unterfütterung. Was brauchte die Christenheit und damit Thomas von Aquin? Sie brauchte ihr Anderes, von dem sie sich moralisch und ideologisch als überlegen abgrenzen konnte.

19. Jahrhundert: Es läuft gut für (West-)Europa. Reconquista und Inquisition taten das ihre für so etwas wie die „Monokonfessionalisierung des Abendlandes“ und auf dem Balkan wurde das Osmanische Reich zurückgedrängt. Zudem ist die industrielle Revolution in vollem Gange und beschert Europa die (waffen-)technische Überlegenheit, die es zur Unterwerfung der Welt braucht: die Festigung kolonialer Verwaltungsgebiete bringen Europa neben der Ausbeutung materieller, finanzieller und humaner Ressourcen endlich die erfolgreiche Verbreitung der eigenen Vorstellungen. Mit im Gepäck: die europäische Überlegenheit aufklärerischer Werte, die sich bestens eignen, um sich gegen „die Barbaren“ abzugrenzen, die sie (noch) nicht verstanden haben.

00er Jahre: Die US-Armee marschiert unter George W. Bush in den Irak ein. Demokratische Werte werden verbreitet.

Othering – was ist da denn los?

Diese kleine, überschaubare, verkürzte (denn natürlich gab es vor allem im 13. Jahrhundert auch friedlichen Kontakt und Austausch) Zusammenstellung europäischer Denktradition bringt uns dahin, was Edward Said 1978 mit Othering in seiner Orientalismus-Kritik in einen wissenschaftlichen Begriff überführte. Damit begründete er die Postkoloniale Theorie mit, die vor allem seit den 1990ern (also seit gut 20 Jahren) in Universitäten, dem Entwicklungsapparat und (weiteren) politischen Diskursen Wellen schlägt. Othering ist ein Terminus, der einen Denkprozess kennzeichnet. Das Othering ist Grundlage des kolonialen Blicks. Um seinen Kolonialismus moralisch sowie die Kosten für die Verwaltungsstrukturen vorm eigenen Volk zu rechtfertigen, brauchten die Kolonialmächte ein „barbarisches, wildes, unterentwickeltes“ Gegenüber, dem das überlegene Wir die „Zivilisation“ bringen konnte. Das Eigene braucht ein Anderes, um sich selbst positiv davon abzuheben, die eigene Moral und die eigenen Werte zu stärken, sich des eigenen Fortschritts zu versichern und um das Andere, das sich zudem unverständlich und unzugänglich darstellt, zu verstehen, zu ordnen, zu kategorisieren, zu repräsentieren und sich unterzuordnen. Teil davon natürlich der Islam, der aus europäischer Sicht in erster Linie seine Frauen unterdrückt, die vom weißen Kolonialherren vor den eigenen Männern gerettet werden müssen. Daher rührt u.a. die Debatte um das Kopftuch, das für koloniale Zwecke instrumentalisiert wurde. Folge waren öffentliche (Zwangs-)Entschleierungen, die den Musliminnen die Befreiung bringen sollten, während in England zeitgleich die Sufragettenbewegung blutig niedergeschlagen wurde.[3]

Was wollen wir mit diesem kurzen Abriss aussagen? Der beschriebene Mechanismus des Othering besteht bis heute fort. Dafür muss mensch sich nicht erst die rassistischen medialen Reaktionen auf die schlimmen Ereignisse in der Silvesternacht in Köln vor Augen führen. Spätestens seit dem 13. Jahrhundert wurde er in europäische Köpfe gehämmert, um die eigene Überlegenheit zu sichern. Für heutige Diskurse können wir daraus lernen, dass Debatten um das Kopftuch hochgradig politisiert sind, dass Debatten um Islamismus hochgradig politisiert sind, und einer besonderen Aufmerksamkeit und Sensibilität bedürfen. Tut das eine Kundgebung vor einer salafistischen Moschee? Tut das ein Aufruf, der sich hauptsächlich der Quellen Verfassungsschutzbericht, Focus und Tag24 bedient? Es geht hier nicht darum zu diskutieren, ob ein Imam Hassan Dabbagh Lehren verbreitet, die hochgradig brisant und gefährlich sind. Aber es geht darum zu diskutieren, ob eine angemessene Reaktion darauf eine Kundgebung ist, die den Charakter hat, mit dem Zeigefinger auf die Moschee und die Muslim_innen zu zeigen, die diese besuchen.

Der Aufruf
In mehr als 12 000 Zeichen setzt sich der Aufruf mit der Gefährlichkeit von Islamismus auseinander und wie diese durch die Al Rahman Moschee geschürt wird. Dabei baut er das Schreckensszenario auf, die Moschee habe laut Verfassungsschutzbericht immer breiteren Zulauf, unterschlägt jedoch, dass der Bericht selbst die Vermutung äußert, dass viele Besucher_innen diese Moschee frequentieren, weil es in Leipzig an Angebot mangelt.[4]
An keiner Stelle definiert der Aufruf seinen Gegenstand; was genau mit Islamismus gemeint ist, bleibt geheim. Diese Fahrlässigkeit führt im letzten Drittel dazu, dass er undifferenziert mit Islam durcheinandergeworfen wird. Die Initiative moniert einen dem Islam eigenen „Führerkult“, der aus der „grenzenlosen Idealisierung“ des Propheten Muhammad resultiere. Ja, unbestritten gilt Muhammad im islamischen Glauben als Vorbild. Da fällt uns noch so ein Kult ein. Zumeist wird er am Kreuz hängend dargestellt und es wird gemunkelt, er habe Wasser in Wein verwandelt. Hängen sich deswegen alle Christ_innen ans Kreuz? Halten deswegen alle Christ_innen auch die andere Wange hin? Kirchengeschichte hat bisher etwas anderes gelehrt. Unterfüttert wird der „Führerkult“ mit der Behauptung, die korrekte Übersetzung des Wortes Islām ins Deutsche sei „Unterwerfung“. Eine genauere Betrachtung von Wort und Wortfamilie zeigt, dass Islām die Hingabe an Gott bezeichnet, die Ergebung in den Willen Gottes. Davon kann mensch halten was er will, aber ja, es ist eine monotheistische Religion, die an die Unfehlbarkeit Gottes glaubt. Deswegen ist sein Wille besonders dazu geeignet, einen mit der Religion zu vereinbarenden Lebensstil zu führen. Was denn genau der Wille Gottes ist, ist Gegenstand Jahrhunderte langer Aushandlungsprozesse, die im 10. und 11. Jahrhundert eine eigene theologische Debattenkultur, den Kalām, hervorbrachten, die Widersprüche und ergebnisoffene Diskussionen aushält.[5] Bis heute ist sie prägend und wurde auch von Strömungen in Juden- und Christentum adaptiert. Tatsächlich gehen heute einige Theorien in die Richtung, dass solche modernen radikal islamistischen Strukturen vor allem als Reaktion auf europäischen Kolonialismus und Unterdrückung entstanden sind. Mit radikal islamistischen Strukturen meinen wir fundamentalistische Strömungen, die eine politische Ideologie islamisch-religiös begründen (islamistisch) und dabei den Koran möglichst wörtlich auszulegen suchen (radikal). Dies passiert dann häufig mit einer Einstellung, die wenig Widersprüche aushält und die Welt dichotomisch in Wahrheit/Lüge, richtig/falsch, Himmel/Hölle teilt. Dies steht also, wie wir gesehen haben, den Traditionen vieler islamischer Strömungen entgegen und weist darauf hin, dass eine monotheistische Religion mit großer Anhänger_innenschaft in alle möglichen Richtungen ausgeprägt werden kann, da sich die Struktur dafür eignet. Dass solche radikal fundamentalistischen Strömungen sehr problematisch sind und zur Gewaltanwendung instrumentalisiert werden können, muss hier nicht diskutiert werden. Doch wollen wir dazu einladen, genauer hinzusehen und sensibel Reaktionen darauf auszuarbeiten. Wenn gegen einen gewaltsam eindringenden, kolonisierenden, weißen Besatzer sich die Verständigung auf ein verbindendes Wir, das als kulturbildend und eigen stilisiert wurde, als effektiv erwiesen hat[6], ist es dann ratsam, sich diesem gegenüber Phänomen mit denselben Mechanismen zu formieren, wie es der koloniale Besatzer bereits getan hat? Nämlich die moralische Unterlegenheit zu betonen, undifferenziert zu homogenisieren und eine gesamte Religion zur Anhänger_innenschaft gewaltvoller Ausprägungen zu verurteilen?

Wie also umgehen mit einem komplizierten Problem?
Zunächst einmal fordert ein kompliziertes Problem komplexe Strategien. Eine Kundgebung mit Eventcharakter ist hierzu gänzlich ungeeignet. Ein homogenisierender, polarisierender, sprich orientalistischer Aufruf sowieso. Die Kombi aus beidem in Zeiten des deutlich spürbaren Rechtsrucks und einer gesellschaftlichen Identitätssuche, die in breiten Teilen auf Ausgrenzung basiert, ist brandgefährlich. Einen Jargon zu bedienen, den rechte Strukturen für sich vereinnahmen können, ist unserer Meinung nach mit einem linken Diskurs nicht zu vereinbaren. Auch wenn das Köpfchen raucht, das Problem ist komplexer als „den Islam/ismus“ zum Feindbild zu machen und damit ein gesellschaftliches Klima weiter anzuheizen, in dem Brandanschläge auf Geflüchtetenunterkünfte stattfinden. Wir wollen hier keine linke Lösungsstrategie im Umgang mit Strömungen präsentieren, die ein Gesellschaftsmodell verfolgen, das mit unseren Grundsätzen nicht vereinbar ist. Wir wollen nur darauf hinweisen, dass ein Rückgriff auf Strategien des 13. Jahrhunderts sehr wenig zielführend ist.
Wie wäre es denn zum Beispiel mit dem Dialog mit muslimischen Communities? Wie wäre es denn mit der Stärkung gesellschaftlicher Stimmen, die freiheitliche Bestrebungen im Islam vertreten? Wie wäre es denn, sich dabei auf eine jahrhundertealte Tradition komplexer Lösungsstrategien zu berufen und damit dem Anderen Interesse und Wertschätzung entgegenzubringen? Wie wäre es mit einer dezidierten Auseinandersetzung mit der Lage von Muslim_innen in Sachsen oder Deutschland über hier zitierte Quellen? Oder wie wäre es denn, sich für die gesellschaftliche Akzeptanz von Muslim_innen einzusetzen, eine Strategie, die höchstwahrscheinlich ziemlich erfolgreich ist gegen Radikalisierung? Ist alles ein bisschen anstrengender, als sich ein homogenisiertes Feindbild zu schaffen, stimmt, aber ist wahrscheinlich nachhaltiger.

Einige Aktive der Gruppe Prisma / iL-Leipzig.

[1] Erschienen in seiner Abhandlung De rationibus fidei contra Saracenos, Graecos et Armenos, nach Cardini, Franco (2000): Europa und der Islam. Geschichte eines Mißverständnisses. Übers. Rita Seuß, München: Beck, S. 121.
[2] Mit „Europa“ ist weniger eine geographische Einheit als vielmehr eine Idee von Vorherrschaft, die sich vor allem aus den Kolonialnationen speist, gemeint.
[3] https://www.zeit.de/2016/05/kolonialismus-grossbritannien-indien-aegypten-frauen-schleier-1900
[4] Vgl. auch Hakenberg, Marie; Klemm, Verena (2016) [Hrsg.]: Muslime in Sachsen. Dresden: Sächsische Landeszentrale für politische Bildung.
[5] Vgl. hierzu Bauer, Thomas (2011): Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams. Berlin: Verlag der Weltreligionen.
[6] Vgl. exemplarisch zu Salafismus als eine islamistische Strömung, http://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/36345/salafiya-bewegung


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