Bericht zum Stadtteilspaziergang Neustadt- Neuschönefeld


Bericht vom Stadtteilspaziergang zu Stadtentwicklung und Gentrifzierung im Leipziger Osten.

Trotz winterlichen Temperaturen haben wir am 27.01 gemeinsam mit ca. 30 BewohnerInnen des Leipziger Ostens einen etwa zweistündigen Spaziergang durch das Viertel rund um den Neustädter Markt und entlang der Eisenbahnstraße gemacht und uns dabei über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen ausgetauscht. Der folgenden Bericht soll einen Einblick in die Geschichte und aktuelle Themen im Stadtteil geben:


Zu Beginn gedachten wir, anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz, gemeinsam der Opfer der Nationalsozialistischen Vernichtung am Stolperstein von Lea Obst nahe dem Neustädter Markt.

Der Spaziergang begann dann in der Neustädter Straße 20, wo heute das Querbeet – eine selbstorganisierte Gartenfläche ist – und im Jahr 1866 das erste Haus des Viertels errichtet wurde. Neustadt- Neuschönefeld entstand vor allem in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als einfaches ArbeiterInnenviertel rund um die damalige Seifenfabrik und die Dampfschneidemühle. Davon zeugen heute an vielen Stellen noch die Architektur der Häuser, der Schnitt der Wohnungen und die vielen – mittlerweile geschlossenen – kleinen Eckkneipen der ArbeiterInnenklasse der damaligen Zeit. Vermutlich wurde in einer solchen auch 1875 der erste Arbeiterverein des Raums Leipzig gegründet.
Zu DDR Zeiten führte der Mangel an Baustoffen und die politische Priorisierung anderer Bauformen zu einem teilweise Verfall der Altbausubstanzen. In dieser Zeit leisteten viele BewohnerInnen eigenständig Instandhaltungsmaßnahmen ihrer Wohnungen. Maßnahmen welche in der spätere Abwicklung der volkseigenen Wohnungsgesellschaft keine Berücksichtigungen fanden.


Anhand eines noch immer unsanierten Wohngebäudes in der Neustädter Straße diskutierten wir über die Entwicklungen in den 90er Jahren, als das Sanierungsgebiet rund um den Neustädter Markt eingerichtet wurde und fast die Hälfte der Wohnungen leer standen. So wurden enorme Investitionssummen nötig, für die in vielen Fällen am Ende jedoch die MieterInnen aufkommen mussten. Mietpreissteigerungen und daraus folgenden Verdrängung von BewohnerInnen waren kein Einzelfall.

Doch auch damals schon taten sich BewohnerInnen des Viertels zusammen um gemeinsam Formen des Widerstands zu entwickeln. Sie versuchten sich gegenseitig über ihre Rechte aufzuklären, Beteiligung bei den Sanierungsplanungen zu erlangen und in Einzelfällen gemeinsam gegen VermieterInnen vorzugehen. Besonderen Fokus legten wir bei unserer Betrachtung auch auf die LWB, welche über einen enorm großen Bestand an Wohnungen verfügte. Sie brachte es in den 90er Jahren jedoch kaum fertig, Wohnungen bedarfsgerecht zu sanieren, sondern modernisierte stattdessen überteuert oder verscherbelte Wohnraum zu Spotpreisen an private EigentümerInnen.

Bezug nehmend auf ein aktuellen Beispiels bei dem MieterInnen derzeit aus ihrem Haus im Leipziger Osten verdrängt werden sollen, tauschten wir uns über unsere eigenen Erfahrungen mit Mietpreissteigerungen, Verdrängungen und möglichen Widerstand aus. Denn häufig produzieren die Mietverhältnisse – zusammen mit anderen Faktoren – eine Anonymität unter den BewohnerInnen eines Hauses. Dies erleichtert es EigentümerInnen Maßnahmen durchzusetzen, die sich gegen alle BewohnerInnen richten und eine gemeinsam organisierte Widerständigkeit – als sinnvolles Mittel bei Mieterhöhungen/Entmietungen – ist kaum realisierbar.

Der Rundgang endete schließlich auf der Brache (Eisenbahnstraße 103-105). Diese ist seit ca. 20 Jahren immer wieder Ort politischer Auseinandersetzung. Engagement von AnwohnerInnen führte in der Vergangenheit häufig zu einer kurzzeitigen Belebung der Fläche, eine langfristige Nutzung wurde durch die Eigentumsverhältnisse und die Rolle der Stadtverwaltung jedoch unmöglich gemacht. Nun steht – nach letztem Sommer – ein erneuter Zwangsversteigerungstermin an und es stellt sich wieder herum die Frage; wie weiter mit der Brache!?

Dies stellt lediglich ein Auszug des Spaziergangs dar. Wir werden uns weiterhin aktiv mit den Vierteln des Leipziger Ostens auseinandersetzen. Auf unseren Stadtrundgängen kommen wir mit verschiedenen Menschen aus diesen Vierteln ins Gespräch und wir sammeln nicht nur verschiedene Erfahrungen und Geschichten, sondern sehen in einer vernetzten und informierten Nachbarschaft das beste Mittel gegen Verdrängung und unbezahlbare Mieten in Leipzig.

stay tuned für kommendes
#RechtaufStadt


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