„Verpixelt oder löscht euch“

Ja, wir haben nach der Frauen*kampftags-Demonstration im März 2017 Fotos der ersten Reihen getweetet, die nicht verpixelt waren. Ja, wir haben im Januar 2018 Fotos von der Oury-Jalloh-Demo gepostet, die nicht verpixelt waren.

Aufgrund dieser Fotos hat uns sowohl Kritik aus dem entsprechenden Frauen*kampftags-Bündnis, als auch von anderen Akteur*innen der linken Szene per Mail, im Gespräch und auf Twitter erreicht.


Zu Recht, denken jetzt vermutlich die meisten von euch. Wir nehmen die Kritik (besonders die solidarische) und vor allem die Sorge um unverantwortlichen Umgang mit Bildern sehr ernst und wollen die Gelegenheit nutzen, darüber in einen Austausch mit euch zu kommen. Unsere Position hat viel mit unserer gesellschaftlchen Analyse und unserem Politikstil zu tun, nicht damit, dass wir einfach so gerne Fotos machen und Verpixelungssoftware zu kompliziert finden. Wir kennen die Argumente gegen Fotos und für Verpixelung, wir haben sie teilweise Jahre gelebt, wir haben Verständnis für Angst vor Nazis und Repression, aber wir finden die daraus resultierende Praxis zu einseitig und unserer Zeit und Aktionsformen nicht mehr gerecht.
Gibt’s eigentlich gute Gründe, die rechtfertigen, unverpixeltes Bildmaterial von Aktionen im Internet zu verbreiten? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir etwas weiter vorne anfangen.

Is it an IL*ness?

Eine unserer grundlegenden Motivationen ist der Versuch, keine exklusive linke Gruppe zu sein, die lediglich sich selbst und im besten Falle die linke Szene ihrer Stadt bespaßt. Wir sind überregional vernetzt und organisiert, wir versuchen, in vielen Städten greifbar – und im besten Fall damit eben auch sichtbar im öffentlichen Diskurs – zu sein. Darum ist es uns wichtig, anschlussfähige Politik zu machen, Transparenz zu schaffen an Orten, an denen sonst eben zensiert wird. Unsere Anliegen werden oft überschattet von unserer Darstellung im medialen Diskurs. Wir glauben, dem Mythos der „gefährlichen Linksradikalen“ (vgl. ungefähr alle Medien nach G20) punktuell entgegenzusteuern und ihnen ein Gesicht zu geben, hilft uns zu verdeutlichen, dass wir alles andere als brandgefährlich sind, und die Gründe, aus denen wir auf die Straße gehen, mehr als legitim. Menschen, die unsere Anliegen teilen, sind teilweise abgeschreckt von unserer Außenwahrnehmung, das sollten wir als Linke reflektieren und bedenken, wenn wir mehr Menschen erreichen wollen. Klar, gefährlich und abschreckend kann stellenweise sinnvoller Teil einer politischen Konfrontation sein. Wir verlangen von uns und anderen diesbezüglich den Willen zur Differenzierung. Denn die Frage nach der Außenwirkung einer Aktion, zu der Fotos gehören, kann je nach beteiligten Akteur*innen und dem größeren politischen Themenfeld ganz unterschiedlich sein. Pauschale Antworten, eine pauschale Praxis bringt uns hier nicht weiter.

Aber nach G20 ist alles anders?!

Besonders nach G20 ist die Lage verschärft. Man braucht sich bloß einmal oberflächlich mit dem Fall „Fabio“ zu beschäftigen, einem 18-Jährigen, der von Anfang Juli bis Ende November in Untersuchungshaft saß, weil ihm vorgeworfen wird, Teil einer „gewalttätigen Demonstration“ gewesen zu sein. Auch die bereits erwähnte Berichterstattung sorgt bei den allermeisten von uns wohl für Magengeschwüre. Leider bedeutet G20 im Nachgang nicht „nur“ viel Ärger für Einzelne, sondern auch eine enorme negative Aufmerksamkeit für jeglichen linken Handschlag. Auch wenn sich die Lage im Vergleich zum Sommer mittlerweile etwas beruhigt hat, so bleibt doch ein fader Nachgeschmack und viele Augenpaare, die fest auf uns gerichtet sind.

Es steht auch eine weitere Neuerung im Raum, die einem durchaus den Appetit verschlagen kann, denkt man an unverpixelte Aktionsfotos. Seit Ende August 2017 liegt eine Gesetzesänderung des § 163 StPO vor. Eine Zeug*innenaussage kann nun nicht mehr einfach verweigert werden, sondern:

„Zeugen sind verpflichtet, auf Ladung vor Ermittlungspersonen der
Staatsanwaltschaft zu erscheinen und zur Sache auszusagen, wenn der
Ladung ein Auftrag der Staatsanwaltschaft zugrunde liegt.“

Was das für Auswirkungen auf linke Strukturen haben könnte, braucht an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt zu werden. Soweit, so schlecht. Dennoch wollen wir es gerade jetzt wagen, diese Diskussion zu führen: Auf die anfängliche Frage, ob es eigentlich gute Gründe für unverpixelte Fotos gibt, lautet unsere Antwort: Ja, die gibt es!

Hat die IL Leipzig noch alle Tassen im Schrank?

Dass linksradikale Politik dämonisiert wird, das ist nichts Neues und dagegen gilt es sich zu wehren. Nach G20 gibt es nun also die Befürchtung, dass alles noch schlimmer wird. Der richtige Zeitpunkt also, um sich zu fragen: Wie genau wehrt man sich eigentlich?
Wir sind der Auffassung, dass es dazu nicht nur Widerspruch gegen diese Dämonisierung aus den eigenen Reihen braucht, sondern auch aus Spektren, die vielleicht weniger radikal sind. Wie erreicht man aber diese uns doch oftmals unzugänglichen Spektren? Diese Frage ist uns sehr wichtig. Es gibt viele Ideen und Ansätze, ihr beizukommen. Eine hat mit der Außenwirkung unseres Auftretens zu tun.

„Der Black Block macht vielen Angst, er ist gewalttätig, sein Protest illegitim.“
Dass eine Demonstration in den seltensten Fällen nur aus einem Black Block besteht, dieser mitnichten immer gewalttätig und sein Protest in den allermeisten Fällen legitim ist, das ist die Botschaft, die wir vermitteln wollen und müssen. Unsere Antwort auf diese Klischees der breiten Mehrheit und auch auf drohende Repression darf jedoch nicht sein, uns in der Öffentlichkeit zu ducken, unkenntlich zu machen und zu verstellen. Gegen Klischees hilft die Information, die sie widerlegt. Gegen Repression hilft eine Verankerung in der Gesellschaft.

Ein gutes Beispiel ist hier die „dazusetzen“- Kampagne.
Eine Sitzblockade gegen LEGIDA wird mit ungewöhnlicher Härte abgestraft. Dagegen formiert sich Protest von Betroffenen, Eltern, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, die mit ihrem Bündnis gezielt an die Öffentlichkeit gehen und so auf eine absolut unverhältnismäßige Verfahrensweise und Delegitimierung von legitimem Protest aufmerksam machen. Hier wird Empörung sichtbar, die weit über die linken Gruppen in Leipzig hinausgeht – und das ist gut so!

Wir glauben, dass es wichtig ist, eine Sprechfähigkeit zu erzeugen, welche es uns ermöglicht, unsere Sicht auf die Dinge kundzutun und mit Missverständnissen und Vorurteilen aufzuräumen. Dabei ist auch Transparenz wichtig. Wenn Polizei und unprofessionelle Presse die einzigen Parteien sind, die sich zu den Ereignissen rund um eine Aktion äußern, so überlassen wir ihnen die Definition der Situation. Aber was hat das denn jetzt eigentlich alles mit Verpixelung zu tun?

Aussage gegen Aussage

Um Eindrücke zu vermitteln, sind Fotos stets ein ideales Mittel. Sie sind leicht und schnell zu konsumieren, sie vermitteln Emotionen und sie ermöglichen einen Einblick in die Situation vor Ort.
Ein Foto jedoch, auf dem Gesichter unkenntlich gemacht wurden, schafft es nur in den allerseltensten Fällen, starke Emotionen zu vermitteln.
Die Frage lautet: Wieso sollen wir uns verstecken, wenn wir doch mit Aktionen die Öffentlichkeit und ihre Aufmerksamkeit suchen? Wieso sollen wir unseren Aktionen, im realen Geschehen wie auch im Internet, durch Vermummung und Verpixelung den Anschein von Illegalität, ja gar Illegitimität verleihen? Spielen wir damit nicht denen in die Hände, denen es wirklich nutzt? Und bringen wir uns nicht um unsere eigene Geschichtsschreibung und überlassen damit anderen die Deutung unserer Anliegen und Aktionen?

Aber die Repression?

Repression wirkt sehr stark auf soziale Bewegungen durch die Angst und Abschreckung, die sie produziert. Wenn wir uns ständig selbst zensieren und aus Angst vor Bildern auf Latschdemos die Köpfe wegducken, machen wir das dann, um Repression zu entgehen, oder hat uns die Repression da nicht schon voll erwischt? Ist es nicht auch legitim, sein Gesicht zeigen zu wollen? Keine Sorge, wir sind nicht der Meinung, jetzt wild alles und jede*n fotografieren zu müssen. Aber sollten wir nicht differenzierter diskutieren, wenn es um die Darstellung von Aktionen und Fotos von Personen geht und auch die Argumente bedenken, die fürs „Gesicht zeigen“ sprechen? Niemandem soll ungefragt eine Kamera unter die Nase gehalten werden und ja, Fotos können ein Risiko für Personen sein. Aber daraus ein allgemeines Fotoverbot abzuleiten und alle zu verteufeln und anzuschreien, die ihr Gesicht zeigen wollen, bringt unsere Anliegen nicht weiter. Wir sind allen Menschen dankbar, die für unsere Sache ihr Gesicht zeigen. Ob nachdenklich im Interview, entschlossen in den ersten Reihen oder motivierend auf Podien. Sie geben unseren Aktionen Gesichter und oft sind es diese Gesichter, die in Erinnerung bleiben und die Anliegen vermitteln.

Damit wollen wir nicht wegwischen, dass es dennoch gute Gründe geben kann, nicht auf Fotos auftauchen zu wollen. Wer in einer Kleinstadt im Umland lebt, für den kann es leichter negative Folgen haben, auf einem Bild zu sehen zu sein, als für uns in einer „anonymen“ Großstadt. In Zeiten quasi unbegrenzter Speicherbarkeit kann es Angst machen, was in ein paar Jahren mit Fotos geschieht. Auch finden manche Aktionen in Grauzonen statt, die oben angesprochene Sitzblockade ist dafür ein gutes Beispiel: Natürlich ist diese nicht legal und somit wollen manche dort eventuell unerkannt bleiben. Dafür kann es gute Gründe geben und es hilft kein einfacher Appell, für die eigenen Überzeugungen einzustehen und auch mal negative Folgen in Kauf zu nehmen. Aber wir sollten uns auch nicht täuschen, denn ob im Nachhinein Fotos von unseren Aktionen vorhanden sind, liegt bei hochauflösenden Handykameras, Polizeidrohnen und anwesender Presse nicht in unserer Hand. Oder besser gesagt, es liegt eher in unserer Hand, wenn wir einen Umgang damit finden – und das kann statt Fotoverbot auch einen offensiven öffentlichen Weg oder kreative Kleidung bedeuten. In den Diskussionen rund um EndeGelände haben wir dazu viel gelernt.

Und wie stellt ihr euch das vor?

Was es aus unserer Sicht daher braucht, ist eine offene Diskussion über einen vermittelnden Weg, der beide Positionen in einen Ausgleich bringt. Dies könnte für uns zum Beispiel bedeuten: Im Vorfeld wird abgewogen, welchen gesellschaftlichen Rückhalt und welchen Charakter eine Aktion hat und ob es vertretbar ist, davon Fotos mit erkennbaren Menschen zu machen.
Falls ja, werden erkennbare Fotos nur von den ersten Reihen einer Demonstration gemacht, die eh im besonderen Fokus stehen (und häufig sowieso unverpixelt auf LVZ.de zu finden sind). Zum Gedenken an Oury Jalloh hat sich die Initiative immer eine offene Demo gewünscht und selbst Fotos von ihren Aktivist*innen ins Netz gestellt. Bei Fotos von Ordnungswidrigkeiten wird vorher gefragt, ob Personen damit nicht einverstanden sind. Es werden keine Fotos von Straftaten gemacht. Es werden keine Portraitaufnahmen von Leuten veröffentlicht, die nicht einverstanden sind.
In Bündnissen müssen diese Fragen vorher in jedem Fall besprochen und beschlossen werden, wir müssen uns Gedanken darum machen, wie man auch neueren Leuten vermitteln kann, dass dies nicht bedeuten darf, dass nun alle Teilnehmer*innen auf Aktionen wahllos Fotos schießen und diese ins Internet stellen. Viel gefährlicher sind jedoch meist Fotos von Unbeteiligten zur falschen Zeit. Auch wir sprechen Menschen direkt an, wenn sie uns ungewünscht filmen o. Ä.

Ihr merkt schon, dies ist kein einfach abzuarbeitendes Thema. Wir sind uns der Konsequenzen und der Herausforderungen bewusst und ringen um Ideen und die richtige Handhabe – daher wollen wir es auch nicht alleine beantworten, sondern mit euch allen diskutieren, wie ein guter Umgang damit gefunden werden kann. Wir würden die Diskussion gern solidarisch führen, gerade weil es für viele ein sensibles Thema ist.

Zum weiterlesen: Ein Text der Filmpiraten von 2013: http://www.filmpiraten.org/2013/03/gegen-die-unterbelichtung-der-linken-bewegung/#more-538


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