Für Ereignisse, die ihre Basis im Alltag suchen

DebattenblogG20Rund um die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg ist wieder einmal eine Debatte zur Bedeutung von Großereignissen aufgekommen. Die AG Soziale Kämpfe von Prisma hat eine solidarische Kritik geschrieben und fragt wie Events politisch sinvoll mit Alltagskämpfen verknüpft werden können. Auf dem Debattenblog der iL findet ihr weitere Beiträge zur Diskussion zu G20.

Für Ereignisse, die ihre Basis im Alltag suchen

Im Umgang mit G20 ist die Debatte um Eventpolitik vs. Basisorganisierung erneut entbrannt. Häufig wird die Kritik an den Großereignissen von Genoss*innen vorgetragen, die in Alltagskämpfen involviert sind und sich in langfristigen, kontinuierlichen Organisierungsprozessen auch außerhalb einer radikalen Linken engagieren. In diesem Sinne unterstützten wir über mehrere Jahre den Arbeitskampf bei Amazon und sind aktuell Teil von Mieter*innen-Protesten gegen Verdrängung und Entmietung. So sind wir seit einiger Zeit als Maulwürfe im «konkreten Handgemenge sozialer Auseinandersetzungen» aktiv. (arranca! #48) Dabei stehen wir immer wieder vor neuen Herausforderungen. Zu ebenjenen gehört auch der Spagat zwischen dem in der linksradikalen Öffentlichkeit tonangebenden Fokus auf Großereignissen und unseren lokalen, manchmal sehr mühsamen Schritten außerhalb von linken Strukturen.

Großereignisse von unten denken

Unsere Kritik an der G20-Mobilisierung und der Politik der Großereignisse allgemein ist durch unsere Erfahrungen in Alltagskämpfen sowie vergangenen Events wie Blockupy geprägt. Allerdings wollen wir nicht Eventpolitik und Basisorganisierung gegeneinander ausspielen. Wir wollen fragen, welche strategischen Debatten es braucht, damit Alltagskämpfe und Großereignisse, wie der G20-Protest in Hamburg, besser ineinandergreifen, damit tatsächlich eine gesellschaftliche Bewegung über die Grenzen linker Szene und Zivilgesellschaft hinaus stattfinden kann. Wir erleben bei Großereignissen häufig, dass Menschen in sozialen Auseinandersetzungen nur aufgezählt werden, aber nicht tatsächlich eingebunden sind. In der Haltung, die Events meist zu den Kämpfen vor Ort einnehmen, fehlt es uns an ehrlichem und kontinuierlichem Interesse. Wir glauben, dass eine gesellschaftliche Linke nur durch die Organisierung an der Basis und Kämpfe in unserem Alltag weiter vorangetrieben werden kann. Wir wollen keine Debatten, was das nächste Großevent sein wird, sondern darüber, wie eine Bewegung von unten (in den Stadtteilen, Betrieben und Kiezversammlungen) entstehen und auf eine größere, überregionale Ebene gehoben werden kann.

Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss?

Im Fahrwasser von G20 wird immer wieder hervorgehoben, dass sich die iL vor zehn Jahren im Zuge der Proteste um den G8-Gipfel in Heiligendamm gründete und in den letzten Jahren über die Grenzen der linken Szene hinaus sicht- und wahrnehmbar geworden ist. Die Kontinuität und Wirkmächtigkeit der iL, z. B. in der Mitgestaltung großer Mobilisierungen, ist ein Erfolg. Zugleich müssen wir uns jedoch fragen, inwiefern wir unsere eigene politische Praxis weiterentwickelt haben? Wenn nach zehn Jahren immer noch das Gleiche gemacht wird – Gipfel stürmen und in den Diskurs intervenieren – dann ist das aus unserer Perspektive nicht genug.

Das große Augenmerk, das auf iL-Ebene auf Großereignisse gelegt wird, verwundert uns. Denn unser Eindruck ist, dass das Thema »Alltagskämpfe« in den verschiedenen Ortsgruppen längst nicht mehr so randständig ist. Auf dem Gebiet der politischen Praxis hat sich in den letzten Jahren nämlich viel getan. Viele iL-Genoss*innen sind in den Stadtteilen, Krankenhäusern oder Betrieben ihrer Städte aktiv und sammeln wichtige Erfahrungen in den Konflikten des Alltags. Sie können auch Erfolge zeigen, zum Beispiel mit den Kämpfen um mehr Personal in der Charité in Berlin. Dennoch erfährt diese Praxis, die vor Ort bereits zahlreich stattfindet, wenig Sichtbarkeit und wird kaum in die strategischen Entscheidungen eingebunden. Die Alltagskämpfe mehr in den Fokus unserer strategischen Bestimmungen zu stellen (und das meint nicht nur die iL, sondern allgemein die radikale Linke), heißt also die bestehenden Kämpfe an der Basis in die Strategiediskussionen aufzunehmen und das Verhältnis zum eigenen Alltag aufzuwerten.

Alltagskämpfe sind interventionistische Politik

Der postautonome Ansatz der Offenheit, der auf gesellschaftliche Verankerung jenseits der linken Szenen und Zivilgesellschaften zielt, kann in solidarischen Kämpfen um Probleme des Alltags weiterentwickelt werden. Wir sollten uns in der Frage der Anschlussfähigkeit weniger auf die Art und Weise der Ausgestaltung von Großereignissen fixieren, als vielmehr die Erfahrungen aus den vielen Basisorganisierungen zum Anlass zu nehmen, Großevents anders zu denken. Alltagskämpfe bieten die Chance auf gesellschaftliche Verankerung, da hier – im Unterschied zu den gewöhnlichen Politgruppen oder Bündnistreffen – unterschiedlich sozialisierte Menschen aufeinandertreffen. In diesen Momenten der Begegnung können wir als politische Subjekte lernen, was der neoliberale Alltag für andere bedeutet, welche Konfliktlagen es gibt und welche Widerstandsmomente in diesem prekären Alltag schlummern. Wir müssen die Perspektiven nicht nur phrasenhaft in Aufrufen, sondern ganz konkret ernst nehmen, einordnen und einen Umgang mit Widersprüchen und Konflikten lernen. Dafür sind Orte der Begegnung sehr entscheidend. Diese Orte können die Streik-Kneipe mit Beschäftigten bei Amazon sein, der Stadtteilladen oder die Mieter*innenversammlungen. Erst durch Zuhören und Lernen können wir Ereignisse und Kampagnen entwickeln, die die Risse im Alltag aufnehmen und als kollektives Problem verhandeln.

Worüber wir reden müssen

Zum einen müssen wir uns selbst in den Kämpfen verorten. Wir müssen lernen, »jenseits von Aktivist*innen und politischen Organisationen auf Menschen zuzugehen«. (arranca! #48) Zum anderen sollte es nicht primär darum gehen, was das nächste Datum eines Großevents wird. Im Gegensatz dazu müssen wir darüber diskutieren, wie wir die großen Worte der Protestaufrufe mit konkreten Inhalten auf lokaler Ebene füllen können: Wie vermitteln wir konkrete reformistische Forderungen in Arbeits- und Stadtteilkämpfen mit der Maximalforderung einer befreiten Gesellschaft? Wie handeln wir mit Menschen außerhalb unseres (politischen) Milieus? Welche Machtressourcen besitzen wir eigentlich, um Forderungen durchzusetzen? Wie können wir die große Erzählung von Hoffnung und Rebellion ganz konkret mit Leben füllen? Wie müssen wir uns als Struktur weiterentwickeln, damit wir unsere Erfahrungen in Großereignissen und Alltagskämpfen produktiv nutzen können?

Momente anders gestalten

Häufig gibt es im Vorfeld von Großereignissen – wie den jetzt anstehenden G20-Protesten – keine Zeit für strategische Diskussionen und Aushandlungsprozesse. Meist werden unter hohem Zeitdruck bestimmte Routinen abgespult, die sich sicherlich auch in den letzten Jahren bewährt und etabliert haben: Ziviler Ungehorsam und Aufrufe, die zumindest auf dem Papier viele unterschiedliche Kämpfe miteinander verbinden. Das finden wir nicht falsch, allerdings könnte die Ausgestaltung der G20-Proteste auch einen Prozess darstellen, der die Grenzen dieser politischen Praxis reflektiert und den Anspruch hat, mit politischen Routinen zu brechen und zu experimentieren. Wenn wir wirklich Großereignisse als Momente kreieren wollen, die konkret Kämpfe vereinen, müssen wir eben auch etwas an unserer Praxis ändern. Nur so können wir lokalen Auseinandersetzungen eine Bühne bieten und uns gemeinsam mit anderen Subalternen die Straße aneignen.

iL = Alltagskampf + Großereignis ?!

Wir werden auch weiterhin in die Kämpfe des Alltags gehen. Nicht nur, weil wir hier ein großes politisches Potenzial sehen, sondern auch, weil wir in diesen Kämpfen Erfahrungen sammeln, die erste Antworten auf die hier formulierten strategischen Fragen geben können. Bei aller Kritik an den Großereignissen stellen wir uns die iL beileibe nicht als ein Projekt vor, das nur auf die Basisorganisierung abzielt. Wir wünschen uns eine iL, die sowohl »Großereignis« als auch »Alltagskampf« kann. Von der Verbindung dieser beiden Ansätze mitsamt ihrer Grenzen und Möglichkeiten versprechen wir uns ein Plus, das über die Summe seiner Teile hinausgeht. Dieser Brückenschlag versetzt uns dann vielleicht auch in die Lage, als iL in Zukunft Momente zu kreieren, die wirklich Bezugspunkte für die Subalternen darstellen.


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