Kommunistischer Widerstand in Leipzig 1943

Am 11. und 12. Januar 1945, vor 72 Jahren, wurden zehn Leipziger Kommunisten von den Nazis ermordet. Um ihren Einsatz für unser aller Freiheit zu würdigen, möchten wir heute an die Geschichte des kommunistischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Leipzig erinnern, insbesondere in den letzten Kriegsjahren. Daneben gab es Widerstand aus anderen politischen Milieus, der in der DDR oft genug vergessen wurde, ebenso wie der kommunistische Widerstand teilweise als Legitimation des autoritären DDR-Staates genutzt wurde. Trotz der Geschichtspolitik der DDR finden wir es wichtig, das Andenken an alle Widerstandskämpfer_innen aufrecht zu erhalten und möchten dazu mit diesem Text einen Beitrag leisten.

Der kommunistische Widerstand in Leipzig entwickelte sich in den Jahren der NS-Diktatur in groben Phasen ähnlich wie im sonstigen Reich. Anfänglich überwog die Hoffnung auf eine schnelle Krise und den Untergang der faschistischen Regierung. In dieser Zeit wurden auch in Leipzig aufsehenerregende Aktionen wie das Malen von Parolen oder Angriffe auf Heime der Hitlerjugend ausgeführt.

Wegen zahlreicher Verhaftungen und weil die Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Nazis verflogen, wurde ab 1935 auf öffentliche Aktionen verzichtet. Im Vordergrund stand nun die Aufrechterhaltung von Kontakten zu Gleichgesinnten. Daneben kam es aber bis zu den frühen 1940er Jahren auch zu einer Reorganisation von kleinen Zirkeln, da einige Kommunist_innen aus den KZs und Zuchthäusern entlassen wurden und alte Verbindungen neu aufnahmen. Mit der Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad im Februar 1943 schöpften die verbliebenen Gegner_innen des Regimes neue Hoffnung. Ein Sieg der Alliierten schien nun in greifbarer Nähe. Dies war Anlass, die Widerstandstätigkeiten neu aufzunehmen.

In Leipzig waren in den letzten Kriegsjahren insgesamt vier kommunistische Gruppen oder Zusammenhänge tätig, die miteinander in der Diskussion und verknüpft waren. Eine gemeinsame Leitung gab es jedoch wegen der Schwierigkeiten der illegalen Arbeit und gegensätzlichen politischen Anschauungen nicht.

Die erste Gruppe entstand um den früheren KPD-Reichstagsabgeordneten Georg Schumann sowie Otto Engert und Kurt Kresse. Diese Gruppe analysierte den Zweiten Weltkrieg als imperialistischen Krieg und gab den Westmächten eine Mitschuld am Kriegsausbruch. Sie forderte daher zunächst, den Krieg an der Seite der Sowjetunion gegen diese fortzuführen. Später forderte sie jedenfalls, dass die westlichen Alliierten die Unabhängigkeit Deutschlands garantieren sollten und hofften auf die proletarische Revolution statt einer bürgerlich-demokratischen Nachkriegsregierung.

Dagegen wandte sich die zweite Gruppe um William Zipperer, Arthur Hoffmann, Karl Jungbluth. Sie fanden diese Vorstellungen illusorisch und gingen von einer Schwäche der linken Bewegung aufgrund der Niederlage 1933 aus. Daher forderten sie sofortige Beendigung des Krieges und die Schaffung einer Front aller antifaschistischen Kräfte, um zunächst ein demokratisches Nachkriegsdeutschland zu errichten.

Auch die dritte Gruppe um Rudolf Hardtmann, Kurt Roßberg und Karl Plesse forderte, den durch den Faschismus ausgelösten Krieg unmittelbar und bedingungslos zu beenden. Alle Gruppen stellten in kleinen Auflagen Flugblätter her und versuchten, die Rüstungsproduktion in den Fabriken zu sabotieren. Die Gruppe um Hardtmann hatte auch Kontakt zu ausländischen „Fremdarbeitern“. Diese Gruppe wurde in der DDR jedoch nicht erinnert, da Hardtmann unter Folter der Gestapo andere Widerstandskämpfer denunzierte.

Die vierte Gruppe war das sogennante „Internationale Antifaschistische Komitee“ (IAK), dass aus deutschen Kommunist_innen wie der Familie Hauke und sowjetischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen bestand, die Pläne für einen Aufstand beim Heranrücken der Roten Armee schmiedeten. An einen ihrer Aktiven, Nikolai Rumjanzew, erinnern heute noch eine Straße und ein Mahnmal in Grünau.

Am 03. Dezember 1943 kam es zu einem schweren Bombenangriff auf Leipzig. In der Folge verteilten die Gruppen Flugblätter mit der Aufforderung, Widerstand zu leisten, die Kriegsproduktion zu stören und sich im Fall von Angriffen in Sicherheit zu bringen, statt am Arbeitsplatz zu bleiben.

Zeitgleich gelang es der Gestapo, mehrere V-Männer im Umfeld der Gruppen zu platzieren. Es handelte sich um Männer, die vor 1933 in der Arbeiterbewegung aktiv waren und durch Folter, Erpressung und Versprechungen zum Verrat bewegt wurden. Durch ihre teilweise langjährige linke Tätigkeit genossen sie schnell das Vertrauen der anderen, changierten teilweise auch zwischen der Arbeit für und gegen ihre Genoss_innen.

Durch die Auskünfte der V-Männer und sonstige Polizeiermittlungen konnte die Gestapo bereits ab 31.05.1944 das IAK „aufrollen“. Durch brutale Folter wurden die Namen der Beteiligten sowie der Kontakt zur Gruppe um Arthur Hoffmann erpresst.

Im Sommer 1944 führte die Gestapo eine reichsweit koordinierte Aktion gegen kommunistische Aktivist_innen durch. In diesem Rahmen wurden ab dem 19.07.1944 auch in Leipzig, in direkter Abstimmung mit Himmler, zahlreiche Kommunist_innen verhaftet und die bestehenden Gruppen weitgehend zerschlagen, auch wenn längst nicht alle Betriebsgruppen und Beteiligten aufflogen.

Unter brutaler Folter machten die meisten der Verhafteten Aussagen und Geständnisse, versuchten dabei jedoch, möglichst nur der Gestapo bereits bekannte Verbindungen einzuräumen. Lediglich Hardtmann belastete unter der Folter auch andere und beging aus Verzweiflung am 29.09.1944 einen Selbstmordversuch. Die schnell durchgeführten und jedem rechtsstaatlichen Anspruch widersprechenden Verfahren in Dresden endeten im November und Dezember 1944 mit zahlreichen Todesurteilen für Leipziger Kommunisten.

Wilhelm Plesse nahm sich am 15.11.1944 in der Haft angeblich das Leben.

Die Urteile gegen Georg Schumann, Otto Engert und Kurt Kresse wurden am 11. Januar 1945 im Hof des Dresdner Landgerichts vollstreckt. Georg Schwarz wurde am 12. Januar 1945 gemeinsam mit William Zipperer, Arthur Hoffmann, Alfred Frank, Karl Jungbluth, Richard Lehmann, Wolfgang Heinze und Widerstandskämpfern aus anderen Städten hingerichtet.

Vier Verurteilte überlebten den Angriff auf Dresden am 13. Februar 1945: Bei der Bombardierung wurde das Gefängnis am Münchner Platz getroffen. Alfred Schellenberger und Fritz Gietzelt konnten fliehen. Max Hauke und Carl Ritter konnten nicht mehr hingerichtet werden, da ihre Akten verbrannt und ihre Identitäten unklar waren.

Paul Küstner und Alfred Kästner wurden noch am 12. April 1945 ermordet.

Wir gedenken den Alliierten, den Partisan_innen und dem antifaschistischen Widerstand für ihren Kampf für unsere Freiheit!

Quelle insbesondere: Carsten Voigt, Kommunistischer Widerstand in Leipzig 1943/44. In: IWK 38 (2002), S. 141-181.


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