Redebeitrag auf der Demonstration „Erdoğan stoppen“

Hier wollen wir unseren Redebeitrag, gehalten auf der “Erdogan stoppen” – Demo am 19.11.2016, dokumentieren.

Jin, Jiyan, Azadi – Frauen, Leben, Freiheit Liebe Demoteilnehmenden – Rojbas Hevalno! Wir, die Gruppe Prisma, möchten heute allen fortschriftlichen Kräften in der Türkei und Kurdistan unsere uneingeschränkte Solidarität zukommen lassen. Vor allem freuen wir uns über die rege Teilnahme von Freundinnen aus der Türkei, Rojava und anderen Teilen Kurdistans.
In den letzten Jahren hat sich die Lage für Frauen, Lesben/Schwule und transsexuellen Menschen in der Türkei erheblich verschlechtert. Viele säkulare Errungenschaften wurden seitens der religiös- konservativen AKP wieder abgeschafft. Dieser Rückschritt lässt sich konkret anhand von erschreckenden Zahlen veranschaulichen: Allein von 2003, dem Zeitpunkt der Regierungsübernahme des jetzigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, bis 2010 stieg die Zahl getöteter Frauen um mehr als das Zehnfache. Laut der Bürgerinitiative „Wir werden Frauenmorde stoppen“ wurden alleine 2015 ca. 303 Frauen in der Türkei ermordet. Ca. 25 Prozent der Täter/innen waren dabei Verwandte oder enge Familienangehörige. Das vielfältige Engagement gegen patriarchale Entwicklungen wird jedoch seitens des Erdogan-Regimes unterdrückt. So wurde im Juni 2016 der geplante Pride-March, eine Demo von schwul/lesbischen Aktivist/innen, aufgrund von Einschüchterungen und dem brutalen Vorgehen der Polizei verunmöglicht. Ebenfalls wurden sämtliche Veranstaltungen zum Frauenkampftag in diesem Jahr verboten. Es stellt zudem keinen Zufall dar, dass unter den rund 370 von der AKP-Regierung verbotenen Vereinen zahlreiche Vereine sich befinden, die sich für die Stärkung von Frauenrechten und den Rechten von homosexuell lebenden Menschen einsetzen. Die Verhaftung des Anwalts des HDP Co-Vorsitzenden Selahattin Demirtaş, Levent Pişkin, der aufgrund seines Einsatzes für schwul/lesbische Menschen schon zu zahlreichen Geldstrafen verurteilt wurde, zielte auf die Schwächung der gesamten HDP ab. Die AKP-Regierung möchte mit dieser repressiven Politik die aktive Zusammenarbeit zwischen zivilgesellschaftlichen feministischen Initiativen und der HDP zerschlagen. Aufgrund der drastischen Lage überlegen bereits viele Aktivst/innen, die Türkei zu verlassen.
Pessimismus darf jedoch nicht in Resignation umschlagen! Daher müssen wir unseren Genossinnen in der Türkei, Rojava und anderen Teilen Kurdistans viel mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, sowie ein Gesicht und eine Stimme geben! In diesem Sinne möchten wir unseren Beitrag mit einer klaren und eindringlichen Botschaft von einer Kämpferin für Frauenrechten beenden:
„Wir müssen verstehen, was gerade in der Türkei passiert und neue Wege finden, dagegen zu rebellieren. Die derzeitige Situation in der Türkei wirkt sich auch auf Deutschland und den Rest der Welt aus. Deshalb brauchen wir eine internationale Widerstandsbewegung, in der wir zusammen gegen das „Ende der Geschichte“ kämpfen. Dies ist sehr wichtig für den Kampf gegen globale Ungerechtigkeiten. Jede/r Gegner/in der AKP-Regierung ist in der Türkei Repressionen ausgesetzt. Ich weiß nicht, wohin das alles führt und welche Schlüsse wir ziehen werden. Für uns wird die Luft zum Atmen immer dünner. Internationale Unterstützung hilft uns, den derzeitigen Zustand besser zu ertragen. Auch wenn es lange dauert, eine erfolgreiche Gegenmacht aufzubauen, müssen wir neue Wege finden, die verkrusteten Strukturen auszubrechen.“
In diesem Sinne!
Jin – Jiyan – Azadi
kadınlar – yaşam – özgürlük Frauen, Leben, Freiheit!