Warum man als Linker auch Bananen essen kann

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf eine Artikelreihe bei ZEIT-Campus

In dem Artikel von Johanna, Lukas und Dennis habe ich einiges wiedererkannt, was auch mich an der politischen Linken nervt. Um darzulegen, warum ich links bin, die Kritik aus den vorherigen Texten aber trotzdem richtig finde, habe ich diesen Text geschrieben.
In meiner Schulzeit war ich, zumindest dezent, politisch interessiert. Als Klassensprecher saß ich in der Schülervertretung meiner Schule. Als ich 15 war, kam ich über einen Schulstreik mit Linken in Kontakt. Vielleicht waren es damals vor allem die Umstände, ich sah das Ganze wohl eher als Abenteuer. Mich überzeugte eher das Drumherum als die Argumente.
Nach der Phase der Anpolitisierung folgte schnell die Frustration. In den ersten Monaten, in denen ich mich als Linker verstand, hielt ich mich vor allem für enorm klug, moralisierte wohl alles und hielt sämtliche Politikansätze, die nicht mindestens genauso radikal wie ich waren, für sinnlos. Die Folge dieses Moralismus und der politischen Vereinzelung ist neben der Tatsache, dass die Mitmenschen genervt sind, die erwähnte Frustration: Man versucht selbst mit dem besten Beispiel voranzugehen, denkt, wenn man sich nur selbst genug ändert, wird sich auch die Gesellschaft ändern, letztendlich passiert aber nichts. Diese Politik der ersten Person führt über lang oder kurz dazu, dass Leute ausbrennen oder sich im Zweifel wieder von linken Ideen verabschieden.
Die Linke ist aber zum Glück viel mehr: Was in den Texten von Johanna, Lukas und Dennis beschrieben wird, trifft meiner Meinung nach nur auf einen kleinen Teil der Linken zu. Der Großteil der Linken betreibt durchaus Realpolitik wie die Organisation von Protesten gegen Mieterhöhungen oder Blockaden von Naziaufmärschen. Von der Politik der ersten Person hat man sich lange verabschiedet. Um Linker zu sein, braucht man nicht außerhalb der Gesellschaft zu stehen, es geht gerade darum, Teil dieser zu sein. Denn nur so ist gesellschaftlicher Wandel möglich. Links zu sein misst sich letztlich nicht daran, ob man Importfrüchte isst oder nicht, sondern was man politisch, ob in der Uni, auf der Strasse oder wo auch immer, vertritt und wofür man einsteht. Der Fehler, den manche Linke machen ist, eben zu denken, das Wichtigste wäre, die Menschen müssten vor allem Politik für und mit sich selbst machen. Gesellschaftliche Veränderung entsteht aber nicht (oder nur bedingt) durch die Anpassung des eigenen Verhaltens, sondern indem man Politik mit und für die Gesellschaft macht. Als Beispiel: Es ist vollkommen nachvollziehbar, sich vegetarisch zu ernähren, um den Ausstoß von Treibhausgasen durch die Fleischproduktion zu verringern. Wenn man sich nebenbei aber anschaut, dass ein Kohlekraftwerk in einer Stunde die zigfache Menge CO2 verschleudert, verblasst das Ganze.
Zusammengefasst: Ich bin überzeugt von Klimagerechtigkeit, ich bin für bezahlbaren Wohnraum nicht nur in Randgebieten, fliege trotzdem in den Urlaub und wohne gerne in einer großen Wohnung. Denn nur sich selbst zu ändern führt mindestens zu Frustration, zum Erfolg jedoch nie. Politisches Bewusstsein beginnt zwar bei den Menschen selber, mit Individualismus kommt man aber nicht weit, denn viele Probleme spielen sich auf einer ganz anderen Ebene ab. Nichtsdestotrotz muss die Linke trotzdem bestimmte Sachen vorleben, den eigenen Alltag politisch machen und zeigen wie die Gesellschaft sein könnte. Es geht darum die Gesellschaft zu ändern und sich selbst mit ihr.

Lars, 20, studiert Rechtswissenschaften in Leipzig und macht Politik bei der Interventionistischen Linken Leipzig


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