Eine große Inspiration für die Klimabewegung

Aktion Mitte Mai kommt Ende Gelände in die Lausitz. Auch viele internationale Aktivist_innen sind dabei

Über 1.500 Menschen blockierten letztes Jahr bei Ende Gelände den rheinischen Braunkohletagebau in Garzweiler (siehe ak 608). An der Aktion nahmen mehr als 300 internationale Aktivist_innen teil. 2016 kommt Ende Gelände nun in die Lausitz (nahe der deutsch-polnischen Grenze), und die Organisator_innen rechnen mit einer noch größeren internationalen Beteiligung als 2015. Schon am Vorbereitungstreffen Mitte Februar in Berlin beteiligten sich über 40 internationale Aktivist_innen aus 14 Ländern. Wir fragten uns: Was macht Ende Gelände so attraktiv über die deutschen Grenzen hinaus? Wie ist die internationale Prägung dieser anfangs rein lokalen Aktion zu erklären? Darüber sprachen wir mit Juliette Rousseau und Petra Nemcová. Juliette ist in Frankreich unter anderem in der Klimabewegung aktiv; Petra ist Sprecherin der tschechischen Graswurzelbewegung gegen Kohle Limity jsme my (Wir sind die Grenzen).

Ihr habt am Vorbereitungstreffen in Berlin teilgenommen und möchtet nun in euren Ländern für Ende Gelände werben. Was bewegt euch dazu, bei Ende Gelände mitzumachen?

Juliette: Die Aktion im letzten Jahr war eine große Inspiration für mich und die anderen Franzosen, die teilgenommen haben. Es hat sich ein bisschen zufällig ergeben: Wir erfuhren darüber von Freunden, die sich an der Organisation beteiligten, und entschieden uns, mitzumachen. Aber wir waren nicht so viele und hatten das Gefühl, wir hätten mehr Leute mobilisieren sollen, darum wollen wir diesmal mehr Aufmerksamkeit wecken. In die Lausitz zu fahren, gemeinsam aktiv zu werden, das stärkt unsere Bewegung in Frankreich und verbindet die Gruppen auf europäischer Ebene.

Petra: Ich war letztes Jahr gerade aktiv in einem Kampf gegen Kohle im Norden Tschechiens, nicht weit von der Lausitz, als ich ein Video von Ende Gelände sah. Allein die Bilder waren so inspirierend und energetisierend, dass ich mich sofort entschied, herauszufinden, ob es eine zweite Ende-Gelände-Aktion geben würde. Im Dezember, nach der Klimakonferenz, bekam ich dann bei einer Aktion vor dem Eiffelturm in Paris einen Flyer von Ende Gelände 2016 in die Hand gedrückt. Wir waren ungefähr 40 Personen aus verschiedenen tschechischen sozialen Bewegungen, die alle nach Paris gekommen waren, um unsere Entschlossenheit zu zeigen, weiterhin für Klimagerechtigkeit zu kämpfen. Ende Gelände 2016 schien eine perfekte Chance zu sein, wieder in Schwung zu kommen. Durch unsere Teilnahme an Ende Gelände 2016 hoffen wir, unsere Solidarität mit den Leuten zu zeigen, die durch Kohleabbau und Kohlekraftwerke gefährdet werden. Wir hoffen auch zu lernen, wie wir Aktionen zivilen Ungehorsams in Tschechien durchführen könnten. Es ist höchste Zeit, umzudenken und gerechte, demokratische, ökologische Energiesysteme anzustreben. Dazu müssen wir ungehorsam sein.

Wie sehen Klimakämpfe in euren Ländern aus? Was sind Ähnlichkeiten und Unterschiede zu einer Aktion wie Ende Gelände?

Juliette: In Frankreich gibt es eigentlich keine Klimakämpfe. Wir haben zwar große Konflikte um Atomenergie, Fracking, Transport und Entwicklung – etwa in Notre Dame des Landes, Sivens oder Roybon – sowie kleinere Gruppen, die sich gegen bestimmte Ereignisse oder Institutionen engagieren. Aber die meisten sehen sich nicht als Teil einer breiten Klimabewegung. Zudem gibt es vielfach massive Repression. Gut vorbereitete Massenaktionen können hier eine Möglichkeit sein, der staatlichen Repression etwas entgegenzusetzen. Ich glaube daher, dass wir größere Aktionen zivilen Gehorsams organisieren müssen, anstatt dass nur ein paar wenige Radikale aktionistisch aktiv werden. Besetzungen oder Blockaden führen oft viel schneller zu Erfolgen; angesichts einer so massiven Bedrohung wie dem Klimawandel sollten wir diese Taktik daher viel mehr anwenden.

Petra: Für mich gibt es noch einen Grund, bei Ende Gelände mitzumachen: Das staatliche Energieunternehmen CEZ aus Tschechien beabsichtigt, Minen und Kohlekraftwerke in Deutschland zu erwerben. Die Investition ist extrem riskant und hat überhaupt keinen Sinn, wenn man die Lage um die Stadt Ostrava im größten tschechischen Minengebiet berücksichtigt. Dort geht das Steinkohlegeschäft pleite und etwa 15.000 Arbeiter fürchten um ihre Stellen. Wozu sollte man dieses Risiko erneut eingehen, noch dazu in Deutschland, im Rahmen der Energiewende? Wir müssen mit aller Kraft sagen, dass das Investitionsrisiko enorm ist. Wenn CEZ Vattenfalls Anlagen in Deutschland übernimmt, dann bekommen sie es mit massivem Widerstand zu tun. Aber wir müssen auch klar machen, dass dieser Widerstand eine Chance bietet, gerechte, demokratische, ökologische Energiesysteme zu entwickeln. In dieser Hinsicht kann man die energiebezogenen Konflikte in Tschechien als Teil der globalen Klimabewegung sehen – obwohl nur wenige es tun. Ein zweiter Punkt ist der Kampf um den Kohleausstieg im Norden Tschechiens, den Einwohner und kommunale Regierungen seit 25 Jahren anstreben. Dieser Konflikt ähnelt sehr demjenigen in der Lausitz.

Seht ihr euch als Teil einer globalen, transnationalen Klimabewegung?

Juliette: Ich bin davon überzeugt, dass es eine transnationale Klimabewegung gibt. Sie entstand um die Klimakonferenzen herum und fokussierte auf institutionelle Lösungen für die Klimakrise. In letzter Zeit entstanden aber neue Verknüpfungen und Bezugspunkte, wie beispielsweise Ende Gelände. Beim einem Ende-Gelände-Vorbereitungstreffen kamen zum Beispiel einige europäische Gruppen zusammen, die danach die Climate Justice Alliance (CJA) gründeten. Seitdem treffen sich regelmäßig Aktivisten aus Holland, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Deutschland, Polen und anderen Ländern, um Mobilisierungen zu organisieren und Erfahrungen auszutauschen. Aber das ist nur der Anfang. Ich glaube, wir müssen Solidarität neu denken: Es reicht nicht, über die Kämpfe der anderen zu informieren und bei deren Aktionen mitzumachen, sondern wir müssen aus ihren Erfahrungen lernen und das Wissen verbreiten. Das ist es, was ich in Deutschland suche. Mich beeindrucken die Fähigkeiten, die die deutschen Aktivisten für Ende Gelände entwickelt haben, und ich will dieses Wissen an französische Bewegungen weitergeben, die ähnliche Aktionen planen.

Petra: Genau. Bei Ende Gelände haben wir eine tolle Gelegenheit zu lernen und Beziehungen zu knüpfen, und das ist genau die Art von Zusammenarbeit, die unsere Bewegung stärker macht. Wir suchen nach Geschichten aller Art, mit klaren Botschaften, die den verschiedensten Menschen veranschaulichen, wie wichtig der Kampf um Klimagerechtigkeit ist. Wir werden entweder gemeinsam kämpfen oder den Kampf verlieren. Unser Ziel soll nicht exklusiv, sondern inklusiv sein. Dazu müssen die Leute verstehen, dass es bei der Klimabewegung darum geht, gemeinsam für das Allgemeinwohl zu kämpfen. Deswegen gefällt mir auch gut, dass es bei Ende Gelände 2016 unterschiedliche Beteiligungsmöglichkeiten gibt.

Das Interview wurde von Ilana Krause und Mara Plock geführt, sie sind im Ende-Gelände-Bündnis aktiv und organisiert bei Prisma / IL Leipzig.

Erschienen in ak – analyse & kritik Nr. 615 vom 19.4.2016, www.akweb.de