Sexismus heißt das Problem!

Solidaritätsnote an die Betroffenen sexualisierter Gewalt überall.

Überall in Deutschland, ob auf dem Dorf, in der Kleinstadt oder in den Metropolen, geschehen täglich sexistische Übergriffe oder Belästigungen gegenüber Frauen. Sexismus ist Alltag in Deutschland und Europa, und das nicht erst seit der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte. So stellte bereits eine Studie aus dem Jahr 2014 fest, dass jede zehnte Frau in Europa seit ihrem 15. Lebensjahr sexuelle Gewalt erfahren hatte. Jede zwanzigste Frau wurde vergewaltigt.* Die Dunkelziffer liegt höher. Dazu kommt oft, dass Anzeigen bei der Polizei eher zu Re-Traumatisierungen führen, als zu einem für die Betroffenen fairen Verfahren. Sexualisierte Gewalt, über die nicht gesprochen wird, ist traurige Realität in Deutschland, ebenso wie männliches Dominanzverhalten.
Die Vorfälle in Köln, Hamburg und anderen Städten haben nun zwar zu Recht eine Debatte über sexualisierte Gewalt entfacht, die viel zu oft ausbleibt. Auch scheint nun der Druck für die Reform des Sexualstrafrechts erhöht, die im September durch eine Blockade des Bundeskanzleramts ins Schleppen kam. Auf der anderen Seite wollen CDU und Teile der SPD die Vorfälle in Köln dazu benutzen, das Asylrecht noch weiter auszuhöhlen. Ganz generell wollen sie Abschiebungen nach Straftaten erleichtern. Die bittere Ironie der Geschichte: Auch Frauen, Trans- und Interpersonen, die vor sexualisierter Gewalt in ihren Herkunftsländern fliehen, wären davon betroffen. Angeblich geschützt werden soll demnach die deutsche Frau vor dem migrantischen Mann. Wenig überraschend können sich bei der Debatte auf einmal rassistische Sexisten als Ankläger beteiligen: so Horst Seehofer, der noch 1997 gegen die Bestrafung von Vergewaltigungen in der Ehe gestimmt hat.

Dass nach den Vorfällen sehr laut gesprochen wird, liegt vor allem daran, dass der weiße Mehrheitssexismus endlich ein Ereignis zur eigenen Entlastung gefunden zu haben meint: Vergewaltiger, das sind immer die anderen. Dabei wird die üblichste Tätergruppe gar nicht in den Blick genommen, das nahe Umfeld: der Partner, der Vater, der Bruder, der Onkel, der nette Nachbar von nebenan, der Mitbewohner, usw. Knapp 80% der Fälle sexualisierter Gewalt spielen sich in dieser Tätergruppe ab. Es geht hierbei nicht um Sex, sondern um das extreme Ausleben gesellschaftlicher Machtverhältnisse, das neben Frauen oft auch als nicht-hegemonial wahrgenommene Männer, Trans- und Intersexuelle trifft.
Gerade diejenigen, die sonst gerne in den sozialen Medien mit Vergewaltigung drohen, diese verharmlosen und andere dezidiert antifeministische Strategien nutzen, spielen sich jetzt als Beschützer „unserer Frauen“ auf. Auf Facebook-Seiten gegen Geflüchtetenunterkünfte wurde in den letzten Monaten nicht nur rassistisch gehetzt, sondern gleichzeitig „Frauen“, die Unterstützungsarbeit für Geflüchtete leisteten, mit Gewalt- und Vergewaltigungsphantasien gedroht und purer Hass entgegen gebracht. Antifeminismus und Rassismus gehen Hand in Hand.

Behörden, Medien, Antifeminist*innen sind immer schnell dabei, Ratschläge für von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen zu vergeben – Hosen statt Rock, Menschenmengen am besten ganz meiden, etc. Notwendig wären Ratschläge für Männer: verweigert männliches Dominanzgehabe, schreitet ein, wenn ihr sexistische Anmache beobachtet, und vor allem – achtet auf die Grenzen anderer. Solidarisch sein bedeutet nicht, das „schwache Geschlecht“ zu beschützen, sondern alle Geschlechter als Betroffene patriarchaler Machtstrukturen zu erkennen. Empowerment statt #einearmlänge!
Männlichkeitsbilder, die durch Dominanz, Herrschaft über und Gewalt geprägt sind, begünstigen sexualisierte Gewalt und müssen bekämpft werden! Sei es in den Sportvereinen, auf den Tribünen beim Fußball, im Berufsleben oder in der eigenen Politikgruppe, Männerbünde entstehen schnell und reproduzieren tagtäglich die „scheinbare“ Vorherrschaft. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten sich die Gesellschaft schon in einigen Bereichen bewegt und verändert hat: Sexismus ist und bleibt das Problem und eine Realität!

Allen Betroffenen sexualisierter Gewalt, sei es das ungefragte Berühren des Körpers in einer Partysituation, der sexistische Spruch, das ungewollte Arschbegrapschen am Karneval oder Vergewaltigung, euch allen gilt unsere Solidarität! Sei es gestern oder zu Silvester auf der Kölner Domplatte, Morgen oder Übermorgen!

Januar 2016, Interventionistische Linke Berlin