„Dies ist kein Boykott“ (neues deutschland)

Das Leipziger Solidaritätsbündnis ruft anlässlich des Streiks bei Amazon dazu auf, bei dem Online-Händler Waren zu bestellen, die eigentlich nicht benötigt werden und diese nach Erhalt wieder zurückzuschicken – mit einer beigelegten Solidaritätsnachricht an die Streikenden. Bei einem Warenwert von über 40 Euro hat sich Amazon vertraglich verpflichtet, die Kosten für die Hin- und Rücksendung zu übernehmen. Gegenüber einem Boykott des Unternehmens hat diese Aktionsform verschiedene Vorteile: Zum einen entsteht für den Konzern unprofitable Mehrarbeit. So kann es gelingen, mit Hilfe der Konsument*innen den ökonomischen Druck auf den Konzern zu erhöhen. Zum anderen erfahren durch die Solidaritätsbotschaften auch die Beschäftigten von der Unterstützung.
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Seit dem Frühjahr 2013 befinden sich die Beschäftigten von Amazon im Arbeitskampf. Der Streik nahm von Bad Hersfeld und Leipzig seinen Ausgang und hat sich inzwischen auf fast alle Standorte ausgeweitet. So befinden sich inzwischen sieben von insgesamt neun Logistikcentern im Streik. Im Kern geht es in dieser Auseinandersetzung darum, auch bei Amazon den Tarifvertrag des Einzel- und Versandhandels durchzusetzen, während sich der Konzern an den niedrigeren Löhnen in der Logistikbranche orientiert und Verhandlungen mit der Gewerkschaft bis heute verweigert. Doch nicht nur die niedrigeren Löhne, sondern auch der massive Einsatz von Befristungen, die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen – der Krankenstand liegt derzeit bei 20 Prozent –, die unzureichenden Pausenregelungen, der hohe Arbeitsdruck und die Überwachung am Arbeitsplatz sorgen für Unzufriedenheit bei den Beschäftigten.

Amazon ist der weltweit größte Onlinehändler und hat im Jahr 2014 einen Gewinn von insgesamt 33,5 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Deutschland ist dabei mit 14 Prozent vom Gesamtumsatz der bedeutendste Auslandsmarkt. Weil dem Konzern damit in dem stark wachsenden Sektor des Online-Handels eine entscheidende Bedeutung zukommt, wird der Ausgang dieser Tarifauseinandersetzung auch für die weitere Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse in Deutschland insgesamt entscheidend sein. »Wenn sich der Konzern in diesem Konflikt durchsetzen kann, wird es künftig auch anderen Unternehmen erleichtert, Tarifverträge und Verhandlungen mit den Gewerkschaften zu verweigern. Umgekehrt heißt das aber auch, dass ein Erfolg der Streikenden auf andere Auseinandersetzungen ausstrahlen kann«, sagt Jana Wild vom Leipziger Streiksolibündnis. Die Gruppe hatte sich im Frühjahr 2013 gegründet und versucht seitdem, den Streik mit verschiedenen Aktionen zu unterstützen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch eine kritische Öffentlichkeitsarbeit.

»Amazon hat inzwischen eine professionelle Medienstrategie. Sie laden z.B. regelmäßig Pressevertreter zu sogenannten Medientagen ins Werk ein, bei denen diese natürlich nur die Sicht des Konzerns geschildert bekommen. Damit konnten sie die Presseberichterstattung zu ihren Gunsten beeinflussen. Dem müssen wir etwas entgegensetzen«, so Wild weiter. Gerade die Tarifauseinandersetzungen im Sozial- und Erziehungsdienst oder auch in der Berliner Charité in diesem Jahr hätten gezeigt, dass es wichtig ist, breite Netzwerke von Unterstützer*innen einzubeziehen, um den öffentlichen und den ökonomischen Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen. Amazon bietet hier nur wenig Möglichkeiten. Die Arbeit findet hinter geschlossenen Fabriktoren statt, die Werke liegen meist an der Peripherie der Städte und fernab von den Kund*innen. Für sie ist Amazon nur im Internet wahrnehmbar. »Genau hier setzt unsere Kampagne an. Wir haben uns gefragt, wie Kund*innen, die Amazon nur durch das Internet kennen, den Arbeitskampf der Beschäftigten unterstützen können. So ist die Idee des Konsument*innenstreiks entstanden«, erzählt die Aktivistin des Solidaritätsbündnisses.

»Gerade im Weihnachtsgeschäft erwirtschaftet Amazon einen Großteil des Gewinns. Hier soll der Konsument*innenstreik ansetzen. Wir hoffen, dass es damit gelingt, eine grundsätzliche Debatte über prekäre Lebensbedingungen in Deutschland anzustoßen und auch andere Beschäftigte zu ermutigen, sich gegen ihre prekären Arbeitsverhältnisse zur Wehr zu setzen«, hofft Jana Wild.