»Das sind Erlebnisse, wo ich sage: sehr geil.«

Der Streik bei Amazon in Leipzig, die Arbeit im Lager und was passiert, wenn sich plötzlich LKW-Fahrer solidarisieren. Ein Interview aus der ak

Seit über zwei Jahren kämpft ver.di dafür, für die 9.000 Amazon-Mitarbeiter_innen in Deutschland eine Bezahlung nach dem Einzelhandelstarif durchzusetzen. Vom 4. bis zum 6. Juni wurde nun am Leipziger Amazon-Standort erneut gestreikt. Mit drei der Streikenden unterhielten wir uns über die Arbeitsbedingungen bei Amazon, gemeinsame Aktionen mit Streikenden anderer Branchen und über die internationalen Vernetzung zum Beispiel mit den polnischen Amazon-Beschäftigten.

In den letzten zwei Wochen wurde bei Amazon wieder jeweils über mehrere Tage gestreikt. Was war für euch das Besondere an dieser neuen Streikwelle?

Marko: Wir haben jetzt aus dem laufenden Betrieb heraus gestreikt. Darauf kann sich der Arbeitgeber nur sehr schwer einstellen. Von den Streikenden ist das sehr gut angenommen worden, viele haben mitgemacht. Wir hatten in dieser zwölftätigen Streikperiode viele Neueintritte in die Gewerkschaft. Das liegt auch an einigen Krisenherden, für die der Arbeitgeber selbst gesorgt hat, zum Beispiel am neuen Schichtmodell. Dazu kommt, dass der 29. Urlaubstag gestrichen wird.

Marco: Das jetzige Schichtmodell sieht vor, dass die Mitarbeiter im Inbound – also der Warenannahme – nur einen Sonnabend im Monat arbeiten und jene im Outbound – also im Warenausgang – zwei Sonnabende im Monat. Das neue Modell sieht nun auch für den Inbound zwei Samstagsschichten vor. Da überlegt doch der eine oder die andere, dass wir unsere Rechte selbst in die Hand nehmen müssen.

Es gab bei euch auch neue Anläufe zur Mitgliedergewinnung. Glaubt ihr, dass die einen Einfluss auf die Entwicklung hatten?

Marko: Ja, die Unterstützung von Organizern hat auf jeden Fall zu einer neuen Qualität der Ansprachen von Streikbrechern vor dem Tor geführt. Genau ist das natürlich nicht auszumachen, aber so viele neue Gewerkschaftsmitglieder hatten wir in den vergangenen Streikperioden nicht. Wir streiken ja nun schon zwei Jahre, da haben sich schon feste Lager herausgebildet. Und da jetzt jemanden zum Umdenken zu bewegen, erfordert sehr viel Einfühlungsvermögen, Diskussionen und viel Arbeit.

Worin besteht die neue Qualität der Ansprache?

Marko: Wir übergeben nicht mehr nur die Flugblätter, sondern sprechen die Leute gezielt an und machen deutlich, dass wir als Kollegen hier draußen stehen und nicht nur als ver.di. Und wir stellen den Kolleginnen und Kollegen offene Fragen, auf die sie direkt antworten müssen. Aber klar: So viel Zeit ist vor dem Tor auch nicht, weil die Leute arbeiten gehen, und da müssen wir überlegen, was wir ihnen in ein oder zwei Sätzen mitgeben können, worüber sie auch auf Arbeit weiter nachdenken.

Marco: Dass sich wieder mehr Leute beteiligen, motiviert ungemein. Zumal wir in der Vergangenheit auch Phasen der Resignation und Enttäuschung hatten.

Marko: Jeder von uns wusste, dass sich die Auseinandersetzung über mehrere Jahre hinziehen würde. Aber es ist trotzdem was anderes, das dann zu erleben. Jetzt, nach zwei Jahren, können wir zwar kleine Teilerfolge verzeichnen, aber unserem großen Ziel des Tarifvertrages sind wir nur wenige Schritte näher gekommen. Der Arbeitgeber versucht weiter, uns auszubooten. Er behauptet zum Beispiel, die Streiks hätten keine Auswirkungen. Obwohl wir intern wissen, dass es ganz anders ist. Trotzdem sind diese medialen Aussagen zermürbend. Und die Kollegen, die jetzt seit zwei Jahren streiken, fragen sich: Ja, hat das denn überhaupt noch Sinn?

Woran merkt ihr, dass der Streik Auswirkungen hat?

Marko: Wenn die Streiks über mehrere Tage gehen, machen wir manchmal Testkäufe über Amazon-Premium-Abos – also jene, bei denen Amazon die Zustellung am nächsten Tag garantiert. Dann bekommen wir schon mit, dass das Kundenversprechen von Amazon doch nicht überall eingelöst werden kann. Außerdem sehen wir ja auch, wie viele Bestellungen an einem Streiktag liegen bleiben. An den Zahlen kann man schon ablesen, dass Tausende Standard- und auch Premium-Bestellungen verspätet ankommen.

Marco: Amazon versucht auch, die verschiedenen Logistikzentren gegeneinander auszuspielen. Das betrifft unterschiedliche Pausenzeiten, Gehälter, Arbeitsbedingungen und und und. In Polen haben zwei Logistikzentren aufgemacht, in denen unterschiedliche Gehälter gezahlt werden. Das hat tatsächlich Prinzip bei Amazon. Es soll für Wirrwarr und Unstimmigkeiten sorgen, so hofft das Unternehmen, die Standorte gegeneinander auszuspielen.

Habt ihr den Eindruck, dass diese Strategie aufgeht?

Marko: Teilweise schon. Das sieht man schon daran, dass immer noch viele nicht mitstreiken. Dann spielt natürlich auch die Arbeitsplatzangst eine Rolle, mit der der Arbeitgeber spielt. Amazon lässt die Beschäftigten bis zur letzten Minute im Unklaren darüber, wie es mit dem Standort weitergeht. Aber das ist ja nun wirklich nicht Amazon-spezifisch, das machen auch andere Unternehmen.

Marco: Es gibt verschiedene Zentren, bei denen die Entscheidung über die Verlängerung des Standorts bevorsteht: Brieselang, Bad Hersfeld und Leipzig. Da geht es in nächster Zeit darum, ob es noch fünf Jahre weitergeht oder dicht gemacht wird. Das schürt natürlich eine Riesenangst bei den Beschäftigten. Wenn die jetzt wüssten, dass es noch fünf Jahre weitergeht, hätten wir noch einen wesentlich größeren Zuwachs an Mitgliedern.

Marko: In den Gesprächen mit denen, die weiter arbeiten gehen, hören wir unterschiedliche Begründungen dafür, weshalb sie sich nicht am Streik beteiligen: Bei den einen ist es die Arbeitsplatzangst, andere haben nur noch ein paar Jahre bis zur Rente und denken, dass sie deshalb nicht mehr vom Tarifvertrag profitieren würden. Und dann gibt es immer noch die, die nicht sehen, dass der Streik von den Kollegen ausgeht, die sehen ver.di immer noch als »dritte Kraft«, wie es der Arbeitgeber gerne vorbetet. Obwohl das nicht so ist, denn die Gewerkschaft stellt nur die Mittel zur Verfügung. Alles Organisatorische – die Durchführung, die Vorbereitung der Streiks usw. – machen die Kolleginnen und Kollegen, die selber im Betrieb tätig sind.

Könnt ihr noch einmal auf die Themen eingehen, die aktuell für Unzufriedenheit sorgen?

Marko: Innerbetrieblich gibt es einige Abteilungen, die haben sehr lange Wege bis zu den Pausenräumen – teilweise bis zu fünf Minuten, und das ist bei 25 Minuten Pause ein Hin- und Rückweg von zehn Minuten. Da man beim Klingeln, das die Pause beendet, wieder an seinem Arbeitsplatz sein muss, bleibt im Endeffekt nur eine Pausenzeit von einer Viertelstunde zum Erholen. Das ist definitiv zu wenig. Gemeinsam kämpfen wir da mit dem Betriebsrat und mit der Gewerkschaft, um diese Zustände zu ändern und eine vernünftige Pausenregelung durchzusetzen. Eine einfache Regelung wäre, dass die Pause am Drehkreuz anfängt. Wir müssen da ja auf dem Weg zur Pause noch die Security passieren, die uns kontrolliert, ob wir nicht irgendwelche Waren am Körper haben.

Peter: Dazu kommt auch eine neue Mitarbeiterumfrage, die auf den Handscannern durchgeführt wird. Der kann man sich nicht entziehen: Die Fragen müssen beantwortet werden, und die Daten der einzelnen Beschäftigten werden erfasst. Das ist ein eindeutiger Verstoß gegen Datenschutzbestimmungen. Dem Unternehmen geht es mit dieser Umfrage darum, kritische Beschäftigte und Abteilungen zu erkennen, um dann möglichen Unruheherden entgegenwirken zu können. Dagegen machen wir jetzt eine Unterschriftenaktion und empfehlen den Leuten, dass alle dieselbe Antwort ankreuzen, damit sich das Unternehmen keinen Reim drauf machen kann.

In der letzten Woche haben ja die Beschäftigten der Post, des Sozial- und Erziehungsdienstes und von Amazon gemeinsam gestreikt und demonstriert. Wie habt ihr diese gemeinsamen Aktionen wahrgenommen? Und habt ihr Ideen, wie man in so eine Richtung weiterarbeiten könnte?

Marko: Je mehr Leute sich an einem Streik beteiligen, desto geiler wird natürlich auch die Demo – ohne Frage. Dadurch, dass die anderen Beschäftigtengruppen mit gestreikt und sich auch viele aus dem Solibündnis mit beteiligt hatten, waren wir ja wirklich viele Leute. Und allein durch diese Masse reißt einen so eine Bewegung schon ganz anders mit. Je mehr Leute draußen stehen, desto mehr motiviert das jeden Einzelnen. Sicherlich: So lange die Auseinandersetzungen und Konflikte in den anderen Branchen nicht gelöst sind, wird es natürlich immer wieder möglich sein, dass die Erzieherinnen und Erzieher, die Post usw. ihre Streiks zusammenlegen. Die Post hat ja nun zum unbefristeten Streik aufgerufen. Bei den Kitas müssen wir sehen, was bei der Schlichtung herauskommt. Aber generell ist so etwas wünschenswert. Warum sollten wir nicht unsere Kräfte bündeln?

Marco: Was ich richtig geil fand: Als bei unserem letzten Streik die LKW-Fahrer an einem Tag gesagt haben: Leck‘ mich am Arsch, Amazon, ich bleibe jetzt hier eine halbe Stunde stehen. Da standen die vor dem Versandzentrum und wollten nicht weiter fahren. Das ist eine neue Form von Streik, wo man sagen muss: richtig klasse. Auf der Rückfahrt in der Straßenbahn hat mich eine junge Mutter angesprochen und hat gefragt, warum wir streiken. Ich habe ihr das alles erklärt und sie hat gesagt, dass sie uns voll unterstützt, aus Protest auch nichts mehr bei Amazon bestellt und auch einen Brief an die Geschäftsleitung geschrieben hat. Das sind so Erlebnisse, wo ich sage: sehr geil. Das geht auch an das Solibündnis: Als wir die Demo durch die Stadt gemacht haben, fand ich es super, dass ihr so zahlreich erschienen seid. Ich finde auch die Zusammenarbeit mit euch insgesamt sehr gut. Wir hätten das am Anfang vor sechs Jahren nie gedacht, dass wir heute zusammen hier sind.

Wie sieht es mit der internationalen Vernetzung der Belegschaften aus? Welche Formen der Zusammenarbeit gibt es?

Marko: Die internationale Vernetzung wird vorangetrieben – sowohl von den Hauptamtlichen von ver.di selbst als auch von der streikenden Belegschaft. Durch die Solidaritätsbesuche aus den polnischen Logistikzentren haben die Vertrauensleute auch selbst Kontakte geknüpft, und so gibt es verschiedene Bemühungen, eine gemeinsame Organisierung voranzutreiben. Mittelfristig ist das Ziel, die Streiks nicht nur deutschland-, sondern auch europaweit auszudehnen. Das ist natürlich schwierig, weil ja die Streikkultur und die Streikbewegung in jedem Land anders organisiert ist. Aber ich denke mal, über kurz oder lang wird sich Polen mit als erstes beteiligen, weil da innerbetrieblich die Mitarbeiter in kürzester Zeit sehr unzufrieden sind und gar nicht mit dem System Amazon konform laufen. Deshalb breitet sich die Bewegung dort sehr schnell aus. Viele organisieren sich und sehen, dass sich etwas ändern muss.

Marco: Aber zum Beispiel in Polen bleibt es schwierig zu streiken, weil kein Streikgeld gezahlt wird. In Polen können sie sich noch nicht einmal hauptamtliche Sekretäre leisten, weil einfach das Geld nicht da ist. Die müssen das wirklich alleine stemmen: Vertrauensleute wählen, die Tarifkommission aufstellen usw. Sie zahlen pro Monat 2,50 Euro in die Kasse ein, das geht alles für Flyer und Plakate drauf.