Tanzflächen und Standpunkte

Eine Diskussionsanregung zum Thema Antirassismus – verteilt anlässlich der GSO 2014 in Leipzig.
Rassismus finden alle doof, doch (wie) können wir uns eine nicht-rassistische Gesellschaft vorstellen?
Beim Thema Rassismus kommen viele Phänomene zusammen: alltägliche Ausgrenzung (zum Beispiel wenn Menschen mit vermeintlich nicht-deutschem Namen bei Job oder Wohnungssuche benachteiligt werden) und Gewalt, Stimmungsmache gegen Asylbewerber_innen, der Umgang der deutschen Institutionen mit Menschen ohne deutschen Pass oder schwarzer Hautfarbe (bspw. Racial Profiling) oder die Abschirmung Europas, um nur einige Beispiele zu nennen. Wir finden, wenn wir uns gegen diese Phänomene stellen und sie abschaffen wollen, müssen wir uns auch ein paar grundsätzliche Gedanken zum Verhältnis von Rassismus zu unserer Gesellschaft machen. Unsere Ausgangsfrage ist daher:
(Wie) können wir uns eine Gesellschaft ohne Rassismus vorstellen? Oder auch: Ist es in diesem Gesellschaftssystem überhaupt möglich, jede Form von Rassismus zu überwinden?
Rassismus ist keine angeborene Eigenschaft, sondern hat sich als Denk- und Verhaltensmuster im Laufe von Erziehung und Sozialisation in einer rassistischen Gesellschaft herausgebildet. Reflektion über und bewusste Entscheidung gegen rassistische Denk- und Verhaltensmuster kann also prinzipiell jede_r. Das gilt nicht nur für Leute, die ganz offensichtlich als Rassist_innen zu erkennen sind, sondern auch für all diejenigen, die sich zwar aufgeklärt und antirassistisch wähnen, aber im Zweifelsfall doch lieber die Straßenseite wechseln. Doch wenn es um die Frage nach einer antirassistischen Gesellschaft geht, geht damit zweifellos einher, die gesellschaftlichen Strukturen zu hinterfragen. Existiert die deutsche Asylpolitik, die Abschottungs Europas gegenüber Migrant_innen oder der Rassismus in der Bevölkerung nur, weil die entsprechenden Beamt_innen, Politiker_innen, Baseballschlägernazis oder die vielen „Ich-bin-ja-kein-Rassist-aber…“-Deutschen rassistisch erzogen worden sind? Wir denken nicht.
Das Asylsystem und die damit einhergehende Abschottung Europas sind Ausdruck eines weltweiten Ungleichgewichtes, dass bis in die Zeiten des Kolonialismus zurückreicht.
Es mag ja ein paar Leute geben die glauben, Europa wäre so reich weil hier alle immer so fleißig gearbeitet haben – die historische Realität sieht etwas anders aus. Die Anhäufung des Reichtums der notwendig war, damit der Kapitalismus und das Europa unserer Zeit entstehen konnten ist untrennbar verbunden mit der Unterwerfung, Ausbeutung und Versklavung der sogenannten „Dritten Welt“. Auch Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien setzt sich diese Ungleichheit im Zugang zu Ressourcen, dem Handeln von Unternehmen und durch Machtpolitik fort. Zur Aufrechterhaltung dieses Verhältnisses werden nach Europa nur diejenigen reingelassen, deren Arbeitskraft sich gewinnbringend verwerten lässt. Wer das genau ist, kann sich mit der Zeit ändern: Waren es in den 1960er Jahren ungelernte Fabrikarbeiter_innen aus dem Süden Europas, die angeworben wurden, um die deutsche Industrie mit günstiger Arbeitskraft zu versorgen, so besteht in der aktuellen Wirtschaftsweise weniger Bedarf an ungelernter Arbeit, als vielmehr an technisch ausgebildeten Spezialist_innen.
Die Nationalswirtschafen befinden sich im Konkurrenzkampf um die „besten Köpfe“ – deren Ausbildung von einem anderen Staat bezahlt wurde – um so besser.
Das Prinzip der Konkurrenz wirkt aber nicht nur auf Staaten, sondern auch auf Individuen. Gerade in Krisenzeiten sehen sich die Menschen(, denen es hier noch vergleichsweise gut geht,) in ihrer materiellen Lage gefährdet. Zur Bewältigung dieser Ängste greifen viele auf bereits existierende Ausschlussmechanismen, Rassismen und Stereotype zurück. Wer sich auf diese Weise seiner eigenen Ersetzbarkeit in einer kapitalistischen Gesellschaft bewusst ist, versucht möglicherweise die Anzahl der Konkurrent_innen zu verkleinern und zu fordern, dass nur Angehörige der eigenen Nation am Wohlstand teilhaben sollen. Nationalismus und Rassismus nehmen zu, denn der Rekurs auf die eigene „nationale Identität“ und die kategoriale Differenzierung eines „Wir“ (Deutschen) und „Die“ (Ausländer) fördern rassistische Stereotype. Dies resultiert nicht nur in einem völkischem Rassismus à la NPD, sondern auch in den oben beschriebenen Verwertungsrassismen einer Gesellschaft, die an „nützlichen Ausländern“ (wie der sächsische Ausländerbeauftragte sie nennt) durchaus interessiert ist.
Auch wenn noch weitere Wirkunsgsmechanismen zu Rassismen innerhalb einer Gesellschaft führen und die oben beschriebenenen noch lange nicht vollständig dargeboten sind, haben wir versucht zu skizzieren, wie kapitalistische Verwertungslogiken mit Rassismus zusammenhängen und warum Rassismus demnach mit Kapitalismus wechselseitig verschränkt ist
Für uns folgt daher: Wir müssen Rassismus und Kapitalismus gemeinsam abschaffen.
Die tägliche Arbeit antirassistischer Initiativen zeigt, dass man vielleicht auch innerhalb der Grundfesten dieser Gesellschaft diskriminierende Alltagspraxen überwinden kann, doch ein vollständig von Rassismus freier Kapitalismus existiert nur als Gedankenexperiment. Dieser erscheint uns auch nicht sonderlich erstrebenswert, da in ihm zwar eine Diskriminierungsform abgeschafft wäre, viele weitere Formen der Ausgrenzung aber noch existieren würden und an den zerstörerischen Auswirkungen von Konkurrenz und Wachstumszwang nichts geändert wäre.
Eine Gesellschaft ohne Rassismus bedeutet für uns also, auch für die Abschaffung des Kapitalismus einzutreten und den falschen rassistischen Krisenbewältigungen eine Perspektive der Aufhebung von Konkurrenz und Nationen entgegen zu halten. An diesem, sehr grundsätzlichen und vermutlich nicht kurzfristigen, Ziel festzuhalten bedeutet für uns aber nicht, dass all das Engagement von Leuten, die im Hier und Jetzt versuchen, antirassistisch zu wirken, sinnlos wäre (wir gehören ja auch zu diesen Leuten) und wir stattdessen lieber auf die große Revolution warten wollen. Das heißt auch nicht, dass es keinen Sinn macht, an den eigenen rassistischen Denkmustern zu arbeiten, diese werden sicher nicht über Nacht verschwinden wenn sich bloß die gesellschaftliche Strukturen verändern. Vielmehr wollen wir verdeutlichen, dass antirassistische Arbeit, Reflektion eigener Denkweisen und Antidiskriminierung ein Schritt in die richtige Richtung sind, diese aber um eine antikapitalistische Perspektive ergänzt werden sollten.
Was also tun?
Tut euch zusammen, um politisch wirksam zu werden, Veränderungen zu erkämpfen (beispielsweise endlich das selbstbestimmte Wohnen für Geflüchtete oder ein Stopp der Abschiebungen) und eine umfassende Gesellschaftskritik zu entwickeln.
Unterstützt die aktuellen Kämpfe der Refugees , die sich gerade vehement gegen die ihnen zugedachte Rolle in der deutschen Gesellschaft wehren und mit radikaler Praxis zeigen, was es bedeutet für gleiche Rechte aller zu kämpfen.